Thilo Sarrazin: Merkel, Erdogan, Sultan Mehmed V. und Wilhelm II.

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Thilo Sarrazins neuestes Buch Wunschdenken ist das derzeit meistverkaufte Sachbuch in Deutschland, es liegt auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

In Deutschland weniger bekannt ist, daß Sarrazin im Schweizer Wochenmagazin Die Weltwoche in seiner Kolumne Brief aus Berlin regelmäßig denkwürdige Stellungnahmen veröffentlicht (Die Weltwoche wird vom Schweizer Roger Köppel, ehemals Chefredakteur der deutschen Zeitung Die Welt, herausgegeben).

In seiner neuesten Kolumne vom 4. Mai (in Heft 18/2016) mit dem Titel „Türkisches Hineinregieren“ übt Sarrazin scharfe Kritik an Bundeskanzlerin Merkel, die sich durch ihr devotes Verhalten gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdoğan in eine Situation manövriert habe, die „das politische Ende von Angela Merkel eingeläutet“ haben könnte.

Sarrazin weist darauf hin, daß Merkels Anbiederung an Erdoğan historisch beispiellos sei. Mit Blick auf Europa notiert er: „Europa [hat sich] seine Standards bislang nicht von anderen diktieren lassen. Es ist nicht bekannt, dass der Osmanische Sultan Mehmed V. beim deutschen Kaiser Wilhelm II. in Presseangelegenheiten interveniert hätte und dieser daraufhin tätig geworden wäre.“ 

Rolf Hochhuth erinnert an Churchill-Aussage zur Monarchie in Deutschland


Foto: Die ältesten Enkel Wilhelms II.

„Es gibt Mirakel in der Geschichte, denen wir mit Vernunft nicht beikommen. Schrecklich, oder?
Ich glaube auch, daß Churchill recht hatte, als er 1951 auf der Überfahrt nach Amerika zu Außenminister Anthony Eden sagte:
‚Hätte man 1918 einen Enkel des Kaisers [Wilhelms II.] auf dem Thron gelassen, die Welt hätte den Hitler nie zu sehen gekriegt.‘
Die Monarchie ist nicht schlecht.“

– Rolf Hochhuth in DIE WELTWOCHE, Zürich, Heft 21/2015, S. 54

157. Geburtstag Kaiser Wilhelms II.

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Portrait Wilhelms II. im Schloßhotel Berlin-Grunewald (Aufnahme 2015)

Am 27. Januar 1919 sendete Gustav Stresemann, Vorsitzender der nationalliberalen DVP und späterer Außenminister des Deutschen Reiches, folgendes Glückwunschtelegramm an den sich im holländischen Exil befindlichen Wilhelm II. zu dessen 60. Geburtstag:

Euer Majestät sendet die deutsche Volkspartei zum sechzigsten Geburtstag ehrfurchtsvolle Glückwünsche. Wir würdigen in Dankbarkeit die Arbeit, die Euer Majestät getreu dem Ausspruch ‚Kaisertum ist Dienst am Deutschen Volke‘ in mehr als dreißigjähriger Tätigkeit für das Deutsche Reich und das Deutsche Volk geleistet haben. In Erinnerung an die ersten Worte des alten national-liberalen Parteiprogramms – ‚unverbrüchliche Treue zu Kaiser und zu Reich‘ – gedenken wir der großen Zeit, die Deutschland und Preußen unter der Hohenzollernherrschaft durchlebt haben. Wir wünschen Eure Majestät von ganzem Herzen einen friedlichen Lebensabend und bitten, davon überzeugt zu sein, daß Millionen Deutscher mit uns auch unter den neuen Verhältnissen und auf neuer Grundlage des staatlichen Lebens stets das Bekenntnis zum monarchischen Gedanken hochhalten und  sich gegen jede würdelose Abkehr von den hohen Idealen des deutschen Kaisertums und preußischen Königtums wenden werden.“

Richtigstellungen über das Kaiserreich und den Armenier-Völkermord 1915-18

Armeniermord

In den Jahren 1915-18 wurden im Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen christliche Armenier durch die osmanische Regierung deportiert und ermordet. An diesem Völkermord, der in der offiziellen Geschichtsschreibung der Türkei bis heute geleugnet wird, habe sich auch das Deutsche Kaiserreich mitschuldig gemacht, stellte 2005 der Deutsche Bundestag fest. Das Osmanische Reich, im Ersten Weltkrieg Verbündeter des Deutschen Kaiserreichs, sei durch die deutsche Regierung damals nicht in die Schranken gewiesen worden.

Daß diese Schuldzuschreibung nicht den historischen Tatsachen entspricht, wies Manfred Backerra Anfang Dezember in seinem Vortrag in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin nach. „Das Deutsche Reich, so Backerra, sei im Krieg einem existenziell wichtigen Verbündeten so in die Arme gefallen, wie es keiner der Feindstaaten getan hätte.“

Ähnlich wie Kaiser Wilhelm II. war übrigens auch der osmanische Sultan während des Krieges weitgehend entmachtet; der Genozid wurde vielmehr auf Betreiben der jungtürkischen Bewegung durchgeführt. Dem Sultan wurde z.B. ein an ihn gerichteter Protestbrief von Papst Benedikt XV. von jungtürkischer Seite so lange vorenthalten, bis längst Tatsachen geschaffen und hunderttausende Armenier umgekommen waren.
Auch die scharfen deutschen Proteste blieben erfolglos: „Proteste nützen nichts, und türkische Ableugnungen, daß keine Deportationen mehr vorgenommen werden sollen, sind wertlos.“, so zitiert Backerra eine Note des deutschen Botschafters aus Istanbul nach Berlin.

Lesen Sie den vollständigen Bericht auf der Website der Bibliothek des Konservatismus:
www.bdk-berlin.org/2015/rufmord-am-deutschen-handeln/

Dokufilm: „Berlin zur Kaiserzeit – Glanz und Schatten einer Epoche“ (1985)

Der Dokumentarfilm von Irmgard von zur Mühlen aus dem Jahre 1985 zeigt ein sehenswertes Porträt Berlins und seiner Gesellschaft der Kaiserzeit. Obwohl der Film inzwischen in Frage gestellte Stereotype nicht ausspart (z.B. die angeblich unvernünftige Entlassung Bismarcks durch den Kaiser), hebt er sich doch wohltuend von den einseitigen, rein negativen Dokudramen der Gegenwart ab.

Insgesamt wird die enorme Widersprüchlichkeit einer Epoche voller Dynamik und Umbrüche eindrucksvoll deutlich, genauso wie die überraschende Liberalität des Kaiserreichs: Kritische Stimmen wurden nicht moralisierend uniform verurteilt wie heute, sondern konnten sich weitgehend frei entfalten – in den Parteien, in der Presse und in der Kunst.

Kaiser Wilhelm II. als prägende Figur der Epoche nimmt eine zentrale Rolle auch im Film ein; die Urteile über ihn sind durchaus ausgewogen und nicht einhellig negativ. Ein Beispiel: „So ablehnend Wilhelm Sozialdemokraten gegenüber war – den ‚vaterlandslosen Gesellen‘, wie er sie bezeichnete – so tolerant zeigte er sich gegenüber Juden. Die jüdische Gemeinde erstarkte. Im Bank- und Zeitungswesen, in Literatur und Theater spielten die Juden eine herausragende Rolle.“

Einziges Manko des Filmes ist, daß ein Vergleich Berlins mit anderen zeitgenössischen Metropolen (wie London, Paris, New York oder Moskau) fehlt. Viele der Szenen, die auf uns heute befremdlich wirken (z.B. die generelle Überhöhung des Militärischen, die Rolle der Frauen oder die soziale Not der Arbeiterschaft) waren schließlich eine Zeiterscheinung, die in den anderen Metropolen und Ländern in ähnlicher und sogar noch schlimmerer Weise zu Tage traten. Die sozialen Verhältnisse im Berlin der Kaiserzeit waren im Vergleich fortschrittlicher und humaner als in London oder Paris (wo es z.B. noch keine vergleichbare Sozialversicherung gab). Das militärische Pathos war ein allgemeines Kennzeichen des Zeitalters des Imperialismus – und in Berlin nicht anders als in Moskau oder London, wo sich das stolze britische Empire feierte (und wo das Frauenwahlrecht erst 1928 eingeführt wurde).

Sie können sich den Film hier ansehen:

Veranstaltungshinweis: Jörg Friedrich in Berlin über das Kriegsjahr 1915

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Der renommierte Historiker Jörg Friedrich hält am 20. November in Berlin einen Vortrag mit dem Titel: „Das Jahr 1915 – Die Wende zum Kreuzzug“. Der Vortrag findet in der „Bibliothek des Konservatismus“ in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg statt.

Jörg Friedrich sorgte letztes Jahr mit seinem 1000-Seiten-Werk „14/18“ über den Ersten Weltkrieg für Aufsehen, warf er darin doch provokative Fragen jenseits der gängigen Geschichtsschreibung auf. In seinem Vortrag am 20. November wird Friedrich genau 100 Jahre zurückblicken, in das „Kriegswendejahr“ 1915. Eine sicherlich hochinteressante Veranstaltung, die wir wärmstens empfehlen!

Weitere Infos unter:
www.bdk-berlin.org/2015/joerg-friedrich-das-jahr-1915-die-wende-zum-kreuzzug/

„Mehr Wilhelminismus wagen!“
Der erfolgreichste Staat der Welt

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„Mehr Wilhelminismus wagen!“ – unter diesem provokativen Titel veröffentlichte Wolfgang Müller, einer der beiden Betreiber von wilhelm-der-zweite.de, kürzlich einen Artikel im libertären Magazin eigentümlich frei.

Wolfgang Müller erinnerte darin an die Modernität des deutschen Kaiserreiches, welches in vielerlei Hinsicht eine bessere Bilanz aufwies als die derzeitige späte Bundesrepublik.

Lesen Sie den ganzen Artikel unter:
http://www.ef-magazin.de/2015/09/02/7398-geschichtsrevision-mehr-wilhelminismus-wagen

„Wilhelm Zwo statt Bismarck“

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Wilhelm Zwo statt Bismarck“ – so hat SPIEGEL Online-Kolumnist Jakob Augstein die gestrige Ausgabe seiner Kolumne „Im Zweifel links“ betitelt. Der Titel spielt auf die Forderung der BILD-Zeitung vor ein paar Tagen an, Angela Merkel müsse sich in der Behandlung der Griechenland-Krise jetzt unnachgiebig wie der „Eiserne Kanzler“ Bismarck zeigen (siehe Foto oben). Augstein hält dem in seiner Kolumne entgegen: Aber ein Bismarck ist diese Kanzlerin nicht. Passender wäre der Vergleich mit Wilhelm Zwo.
Wer nun eine sachliche Begründung für diesen Vergleich erwartet, wird naturgemäß enttäuscht: Augstein bleibt sie schuldig, und er generalisiert zudem in unsachlicher Weise, in dem er seine ursprüngliche Kritik an Merkel auf Deutschland insgesamt ausweitet und ein „Wiedererwachen eines dunklen deutschen Nationalismus“ wahrnehmen will.

Aber weshalb bringt Augstein „Wilhelm Zwo“ ins Spiel? Den letzten deutschen Kaiser, dessen Regentschaft beinahe 100 Jahre zurückliegt und der mit einer Kanzlerin der Bundesrepublik und der aktuellen Griechenlandkrise ganz konkret nun wirklich nichts gemein hat!
Die Antwort: Wilhelm II. dient weiterhin als willkommene Negativfigur, als Unhold, als Maximalexempel eines Unsympathen. So wird der Kaiser in erster Linie von der Öffentlichkeit immer noch wahrgenommen, obwohl dieses Zerrbild von Historikern längst relativiert wurde. Hier müssen gar keine Argumente geliefert werden, wie sie auch Augstein nicht vorbringt – es greift ja das negative Bild, das die meisten vom Kaiser noch immer im Kopf haben.

Dies gilt insbesondere, wenn Bismarck ins Spiel kommt: Der positiven Figur „Bismarck“ wird dann gerne Wilhelm II. als negative Entsprechung gegenübergestellt. Hier der weise, vernünftige Reichskanzler – dort der unreife, unvernünftige Kaiser. Auf genau diese Antagonie spielt Augstein mit seinem Kolumnentitel an.

Daß die einseitige Positivzeichnung Bismarcks einerseits und die Dämonisierung des Kaisers andererseits den historischen Tatsachen nicht gerecht wird, haben wir schon in unserem Artikel zur Entlassung Bismarcks durch Wilhelm II. beleuchtet.

Bismarck hatte nach seiner Entlassung freilich ganz gezielt daran gearbeitet, daß die positive Mythologisierung seiner eigenen Person einerseits und die Dämonisierung des Kaisers andererseits ins öffentliche Bewußtsein geriet – wo sie noch heute verankert ist, so stark sogar, daß Jakob Augstein im Jahre 2015 nur zu gerne darauf zurückgreift.
Die historischen Tatsachen erfordern jedoch eine differenziertere Betrachtung! Einen aktuellen Beleg hierfür liefert etwa der kürzlich erschienene Welt-Artikel „Die Mär vom deppenhaften Helgoland-Sansibar-Tausch“.

Diskussion um den Berliner Neptunbrunnen

Der Neptunbrunnen in Berlin-Mitte auf dem Platz zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche (in der Nähe des Fernsehturmes/Alexanderplatzes) ist auch heute ein beliebtes Fotomotiv:

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Der Neptunbrunnen wurde 1891 ursprünglich vor dem Berliner Schloß errichtet. Er war ein Geschenk des Berliner Magistrats an den jungen Kaiser Wilhelm II. – eine Tatsache, die weitgehend vergessen ist!

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Der später sehr bekannte Bildhauer Reinhold Begas schuf den Brunnen in 3jähriger Arbeit; er stellt eine der größten bildkünstlerischen Brunnenanlagen der Welt dar! Die bekannten vier Frauenfiguren am Rand des Brunnens sollen die Flüsse Rhein, Weichsel, Oder und Elbe symbolisieren.

Nachdem die DDR-Führung das Schloß 1951 sprengen ließ, wurde der vom Krieg verschonte Brunnen demontiert und 1969 auf dem Platz zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche neu errichtet, wo er noch heute steht. Im Zuge des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses entbrannte in jüngster Zeit auch die Diskussion um die Gestaltung des Schloßumfeldes neu. Viele wünschen eine Rückverlegung des Neptunbrunnens an seinen ursprünglichen Platz vor dem Schloß – geht dieser Standort doch auf den Plan des genialen preußischen Baumeisters Karl-Friedrich Schinkel zurück.

Nach einem Beschluß des Berliner Senats soll der Neptunbrunnen jedoch auf seinem jetzigen Platz verbleiben. Es bleibt zu hoffen, daß nach Wiederherstellung der barocken Schloßfassaden 2019 der Ruf neu laut wird, das ganze stimmige historische Schloßensemble – mitsamt Neptunbrunnen – wiederherzustellen und daß der Senatsbeschluß letztlich revidiert wird.

Siehe auch: „Der Neptunbrunnen gehört vors Schloss“ (Tagespiegel-Artikel)

Vor 100 Jahren: Der folgenreiche Untergang der „Lusitania“

Am 7. Mai 1915 vor genau 100 Jahren versenkte das deutsche U-Boot U20 das US-Passagierschiff Lusitania vor der Südwestküste Irlands. 1198 Menschen kamen ums Leben, darunter 128 US-Amerikaner.

Das Ereignis entfachte in der amerikanischen Öffentlichkeit eine lange Diskussion um einen möglichen Kriegseintritt gegen die Mittelmächte auf Seiten der Alliierten, die schließlich zur Kriegserklärung der USA an das kaiserliche Deutschland führte.

Jahrzehntelang galt nur die offizielle Darstellung der  Siegermächte als historische Wahrheit:
die Versenkung als deutsches Kriegsverbrechen an unschuldigen Zivilisten, als barbarischer Akt.

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Doch in Wirklichkeit war der Untergang der Lusitania ein bewußt herbeigeführtes Täuschungsmanöver der britisch-amerikanischen Kriegspartei, die um jeden Preis die USA in den europäischen Konflikt hineinziehen wollte. Die Lusitania war eben kein harmloser Passagierdampfer, sondern Hilfskreuzer der Royal Navy mit massenhaft Munition an Bord.

Das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL druckte im Jahre 1972 einen Artikel, der sich auf die damaligen Recherchen der englischen Journalisten Simpson und Tormalin bezog und die wahren Hintergründe dieses folgenreichen Ereignisses ans Licht brachte. Eine zentrale Rolle darin spielt die Ladeliste der Lusitania, die Präsident Wilson als Geheimdokument erhalten hatte. Sie belege, daß in der Tat große Mengen an Waffen und Kriegsmunition an Bord des Schiffes waren.

Sie finden den historischen Artikel im SPIEGEL-Archiv unter:
www.spiegel.de/spiegel/print/d-42787456.html

Im Jahre 2012, 40 Jahre nach Erscheinen des genannten SPIEGEL-Artikels, wurde das darin beschriebene, von Präsident Wilson versiegelte Geheimdokument der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Ergebnis: Es bestätigten sich die 1972 von den englischen Journalisten aufgestellten Thesen! Die Lusitania beförderte in der Tat z.B. über 4000 Kisten Kriegsmunition („Cartridges“, von uns hier grün umrandet), wie folgender Ausschnitt aus dem 2012 veröffentlichten Geheimdokument zeigt der SPIEGEL-Artikel von 1972 hat also nichts von seiner Aktualität und Richtigkeit verloren:

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Im Jahre 2008 bargen Taucher Kriegsmunition aus dem Wrack der Lusitania:

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