Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts
nannte George F. Kennan, USA-Diplomat und Sicherheitsberater,
den Ersten Weltkrieg 1914–1918
Ehrhardt Bödecker
Ehrhardt Bödecker gilt
als einer der profiliertesten Kenner der preußisch-deutschen
Geschichte.
Jahrgang 1925, wohnhaft in Berlin seit 1934, wurde er als Kriegsteilnehmer
schwer verwundet. Er studierte Recht, Ökonomie und Geschichte in
Deutschland und den USA und war anschließend als
Anwalt, Verwaltungsrichter und Amtsrichter tätig.
Seit 1966 war er selbständiger Privatbankier
(Weberbank). 1995 ging er in den Ruhestand.
Bödecker ist Inhaber und Gründer
des im Jahre 2000 eröffneten „Brandenburg-Preußen Museums“ in Wustrau
nordwestlich von Berlin. Zahlreiche Buchveröffentlichungen
über den Ersten Weltkrieg, Preußen
und das Deutsche Kaiserreich, z.B.
„Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“.
Bödecker schildert in seinem Essay die
Vorgeschichte des Sommers 1914, die Interessenlage der kriegführenden
Staaten und die Folgen des Ersten Weltkrieges.
Seine These: Durch das Eingreifen der USA 1917 wurde ein gerechter „Erschöpfungsfriede“
auf Basis des status quo ante verhindert und das europäische
Machtgleichgewicht auf Jahrzehnte empfindlich gestört.
Der diktierte Friede von Versailles 1919 bildete keine Grundlagen für
einen dauerhaften Frieden. Die Folgen waren Revolution, Revanchelust,
Bolschewismus, Faschismus und Nationalsozialismus sowie
ein neuer Krieg.
Vorgeschichte
Frankreich, Rußland und England hatten sich in den Jahren 1879–1904 zu einem aggressiven Militärbündnis gegen Deutschland zusammengeschlossen. Durch zusätzliche Rüstungen, Eisenbahnbauten und Heeresvermehrungen in Rußland sollten die Rüstungsvorbereitungen gegen Deutschland bis 1916 beendet sein. Mit diesem Militärbündnis zerstörten diese drei Staaten die bisherige Mächtebalance in Europa.
Die Ausgangslage 1914:
Ententemächte (grün), Mittelmächte (rot) und neutrale Staaten (gelb)
David Lloyd George wurde nach verschiedenen Ministerämtern
1916 Leiter des englischen Kriegskabinetts.
In seinen Kriegserinnerungen schrieb er 1935:
An dem Tage im Jahre 1904, an dem der
englisch-französische Bündnisvertrag bekanntgemacht
wurde, kam ich zu einem kurzen Besuch zu Lord Rosebery nach Dalmeny. Seine erste Begrüßung war:
„Sie sind wohl mit diesem französischen Vertrag
ebenso zufrieden wie die anderen auch?“ Ich versicherte
ihm, es erfülle mich mit großer Befriedigung,
daß unsere knurrigen und bissigen Beziehungen zu
Frankreich endlich ein Ende gefunden hätten. Er
erwiderte: „Sie irren sich sehr. Dieser Vertrag bedeutet
den Krieg mit Deutschland!“
Frankreich
Seit Jahrhunderten richtete sich die Politik Frankreichs
auf die Schwächung Deutschlands durch
Fortdauer seiner Teilung in souveräne Einzelstaaten.
Als Preis für seine Neutralität im Krieg Preußens gegen Österreich 1866 forderte die französische Regierung vom Preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck die Unterstützung für die Abtretung des Saarlands, der Rheinpfalz, der linksrheinischen Gebiete von Rheinhessen, von Mainz, Köln, Trier, Worms, Speyer und Aachen sowie von Luxemburg, Klewe, Geldern, Jülich, Zweibrücken, Sponheim und Saarbrücken.
Im Vergleich zu diesen französischen Forderungen war die Erregung Frankreichs vier Jahre später über die Abtretung Elsaß-Lothringens an Deutschland nach dem verlorenen Krieg 1870/71 nichts weiter als Scheinheiligkeit. Die Einheit Deutschlands wurde in Frankreich als Niederlage empfunden, gegen die mit den Propagandasprüchen „Rache für Sadowa (Königgrätz)“ und „Nicht darüber reden, immer daran denken“ in der Bevölkerung angekämpft wurde.
Russland
Die staatliche Einheit wurde den Deutschen auch von
Rußland nicht gegönnt. Schon im Juli 1866, alsbald
nach der von Preußen gegen Österreich gewonnenen
Schlacht von Königgrätz, forderte Rußland das englische
und französische Außenministerium unter
Berufung auf den Wiener Kongreß 1815 zu einer
Intervention in Preußen auf. In den Verhandlungen des
Wiener Kongresses wurden Deutschland weder eine
zentrale Regierung noch einheitliche Maße oder
eine einheitliche Währung erlaubt. Als Mitunterzeichner
der Wiener-Kongreß-Akte glaubte Rußland zu
einer Intervention in Deutschland berechtigt zu sein.
Bismarck drängte daher seinen König zum schnellen
Friedensschluß mit Österreich in Nikolsburg 1866, um
unveränderliche Tatsachen zu schaffen. Das war eine
herbe Enttäuschung für die Russen. Weitere kamen
hinzu: ihre Niederlagen im Krimkrieg (1856) gegen
Frankreich, England und die Türkei – Preußen blieb
neutral –, das als unbefriedigend empfundene Ergebnis
des Berliner Kongresses (1878) sowie die Niederlage
gegen Japan (1905). Bei der russischen
Führungsschicht entstand dadurch ein bis 1914
andauerndes Gefühl der Demütigung und des Hasses
gegen Deutschland (George F. Kennan). Dieser Haß
gefährdete die europäische Sicherheit und Stabilität,
weil er von revolutionären inneren Unruhen in Rußland
begleitet wurde.
Grossbritannien
Zitat
„Denn nicht nur das Wettrüsten weckte die britischen Ängste und Befürchtungen, sondern die gigantische industrielle
und kommerzielle Expansion Deutschlands als Ganzes. Der Stabschef der Marine Albrecht von Stosch hatte mit seiner Beobachtung
aus dem Februar 1896 ganz recht, dass die wahre Erklärung für den Groll der Engländer gegen Deutschland in der
deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt liege.”
— Prof. Christopher Clark:
Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers
München 2008, S. 208
Die wirtschaftlichen Erfolge Deutschlands und seine
zunehmende Stärke beunruhigten die politische
Klasse in England. Ihr Interesse richtete sich auf die
Bewahrung ihres kolonialen Imperiums, insbesondere
Indiens. Denn von der Arbeit der 320 Millionen
Menschen in den Kolonien hing der Lebensstandard der
43 Millionen Briten ab. England suchte daher ebenso
wie Frankreich den Anschluß an Rußland „fast um jeden
Preis“ (Arthur Nicolson am 27.4.1914),
weil Indien im Norden nicht durch die englische
Flotte verteidigt werden konnte und daher Rußland
„bei guter Laune“ gehalten werden mußte.
Ohne Anlaß und ohne den geringsten Beweis wurde
Deutschland im englischen Außenministerium
verdächtigt, England als Weltmacht militärisch verdrängen
zu wollen (Eyre Crowe, 1907). Gegen diese
unbewiesene These wetterte der ebenfalls im englischen
Außenministerium tätige Unterstaatssekretär Sanderson.
Er rügte die hysterische Furcht vor der
kaufmännischen Tüchtigkeit der Deutschen und ihre
Behinderung durch die britische Regierung im Ausland.
Von dieser Kritik am eigenen Haus nahm der englische
Außenminister Edward Grey keine Notiz, obwohl er wußte, daß die Bedrohungsängste der deutschen
Regierung den Frieden in Europa gefährden konnten (Prof.
Dr. Niall Ferguson, 1999, Schottland).
Deutschland
Rede Wilhelms II.
Über ein deutsches WeltreichWegen seiner gefährdeten Mittellage und seines Bevölkerungswachstums war Deutschland von der Stabilität und Prosperität in Europa abhängig, außerdem von dem ungehinderten Warenaustausch mit allen Ländern der Erde. „Entweder wir exportieren Maschinen oder wir exportieren Menschen“ (Reichskanzler von Caprivi, 1891). Die im Vergleich zu England und Frankreich wenigen deutschen Kolonien in Afrika und Fernost spielten nur eine untergeordnete Rolle.
England und Frankreich waren bestrebt, Deutschland militärisch und wirtschaftlich einzuschnüren. Hiervor fürchtete sich die deutsche Regierung. Andererseits war den anderen Ländern die Dynamik der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung in Deutschland unheimlich. Daher die Angst auf beiden Seiten. Angst ist schon bei einem Individuum keine gute Grundlage für ein ausgewogenes Verhalten, viel weniger bei einer Regierung. Die gelegentlichen „lauten“ Töne aus Deutschland, auch der Bau einer Flotte, waren trotzdem kein Zeichen von Kriegswillen! Darüber bestand bei den französischen, vor allem aber bei den englischen Diplomaten kein Zweifel. Das beweisen die im Auftrag des Britischen Auswärtigen Amtes herausgegebenen Amtlichen Dokumente über den Ursprung des Weltkrieges 1898–1914 (autorisierte deutsche Ausgabe 1926–1933).
Der Weltkrieg entbrennt
Am 28. Juni 1914 ermordete die serbische Geheimorganisation
„Schwarze Hand“ in Sarajewo den
österreich-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz
Ferdinand und seine Frau Sophie. Hinter den Serben
stand der russische Panslawismus. Mit der Versicherung
des deutschen Beistandes für den Kriegsfall in
den Händen (sogenannter Blankoscheck) erklärte
Österreich am 28. Juli 1914 aus Furcht vor einem
Zerfall seines Vielvölkerstaates Serbien den Krieg.
Kurz vorher hatte der französische Präsident
Poincaré vom 20. bis 23. Juli 1914 demonstrativ die
russische Regierung in St. Petersburg besucht (die
Akten über den Inhalt dieser Gespräche sind der
Forschung immer noch nicht zugänglich). Durch
diesen offenbar mit London abgestimmten Besuch wurde
der Kriegswille der Russen gestärkt, so daß Rußland
nur wenige Tage danach am 29. Juli zur Unterstützung
der Serben die Teilmobilmachung, am 30. Juli die
Generalmobilmachung seiner Truppen anordnete sowie
den sofortigen Transport von sechs kampfstarken
Armeen an die deutsche und österreichische Grenze.
Eine Beschränkung des Konfliktes auf das balkanische
Gebiet war nun nicht mehr möglich.
Was auf die russische Mobilmachung folgte, war eine Kettenreaktion aus Angst und Panik vor den unabsehbaren Folgen der unter den europäischen Großmächten bestehenden Bündnisverpflichtungen.
Buchbesprechung zum Thema
Die Julikrise 19141. August 1914: Mobilmachung in Deutschland,
Kriegserklärung an Rußland
3. August 1914: Kriegserklärung an Frankreich
4. August 1914: Kriegserklärung Englands an
Deutschland
5. August 1914: Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Rußland
5. November 1914: Kriegserklärung der Entente
an die Türkei
Seit September 1914: Massive wirtschaftliche
Unterstützung
Englands und Frankreichs durch
die USA.
Der Weltkrieg war entbrannt.
Wollte Europa den Krieg? Keine Nation hat den Krieg mit Vorbedacht provoziert. Auch der Deutsche Kaiser nicht. Alle sind in den Krieg hineingestolpert. Dieser Ansicht des englischen Premierministers Lloyd George schließt sich heute die herrschende Auffassung der internationalen Geschichtswissenschaft an. Die Tragik bestand darin, daß sich die Großmächte in die Abhängigkeit von instabilen, von Unruhen und Aufruhren geplagten Ländern wie es Rußland und Österreich-Ungarn waren, begeben hatten. Man hat diese beiden „unruhigen Kantonisten“ ohne ausreichende Kontrolle handeln lassen und ist damit selbst in den Sog dieser Länder geraten. Diese beiden Länder haben Europa in den Krieg gerissen.
Die Kriegsziele
USA, England, Frankreich und Rußland waren sich
einig, ihre beiden deutschen Gegner „ohne Mitleid“
(Zar Nikolaus II.) zu vernichten und Deutschland in
den Zustand seiner früheren Zersplitterung zurückzuführen
sowie die Hohenzollernherrschaft zu
beseitigen.
Ein Verhandlungsfrieden wurde abgelehnt.
Deutschlands erstes Ziel war sein defensiver Wille zur Selbstbehauptung. Es hatte keine Expansionsziele. Die britische und russische Weltmachtstellung sollte unangetastet bleiben. In politischer und wirtschaftlicher Weitsicht wurde ein einheitlicher europäischer Wirtschaftsraum unter deutscher Führung angestrebt (Professor Dr. Wolfdieter Bihl, 1991, Wien).
Das Kriegsende
Nach dem erzwungenen Rücktritt des Deutschen Kaisers Wilhelm II. am 9. November 1918 wurde am 11. November 1918 der Waffenstillstand vereinbart. Die alliierte Hungerblockade gegen die deutsche Zivilbevölkerung blieb bis zum Sommer 1919 bestehen. Mindestens 700.000 Menschen starben dadurch in Deutschland an Hunger.
7. Mai 1919: Diktat der Friedensbedingen an
Deutschland. Damit endete der bisher größte Krieg
der Weltgeschichte entgegen der europäischen
Tradition ohne Verhandlungen.
Die USA strebten nach der Weltmacht und hatten sich
daher vom ersten Kriegstag an einseitig für eine
massive Unterstützung Englands und Frankreichs
entschieden. Beide Länder weigerten sich daher – in
der Gewißheit auf die amerikanische Kriegshilfe –
auf die Friedensangebote Deutschlands im Dezember
1914 und im Dezember 1916 einzugehen. Die
„Deutschen Friedensbemühungen während des Krieges
waren Ausdruck einer wirklichen Verhandlungs- und
Konzessionsbereitschaft“ (Prof. Dr. Georges-Henri
Soutou, 1989, Paris).
Keine Friedensverhandlungen
Die Ermittlung von Schuld und Ursache für den Beginn des Krieges mag für Historiker von Interesse sein. Wichtiger ist die Frage, warum England, Frankreich und die USA Gespräche mit Deutschland über einen Verhandlungsfrieden (1916/17) abgelehnt haben. Hat sie ihr unmenschlicher Haß blind gemacht für die Nöte Europas? Wegen ihrer mangelnden Friedensbereitschaft mußten noch Millionen von Soldaten sterben. So wurde der Krieg nicht durch Verhandlungen, sondern erstmals in Europa durch ein Diktat der Sieger beendet.
Die Friedensbedingungen widersprachen wirtschaftlicher und politischer Vernunft und verletzten das durch das Völkerrecht geschützte Privateigentum.
Sie raubten Deutschlands geistiges Eigentum
Die Patente und Warenzeichen deutscher Fabriken wurden beschlagnahmt. Am weitesten gingen die USA und England. Die USA holten mit einem Schlag den technischen Vorsprung Deutschlands von 20 Jahren ein. Den von Deutschland erfundenen und entwickelten Produkten wurde die Einfuhr in diese Länder verwehrt: Man raubte der deutschen Industrie nicht nur ihre Fabriken und Niederlassungen im Ausland, sondern zwang sie auch noch, einen erheblichen Teil ihrer Produktion zu Preisen zur Verfügung zu stellen, die weit unter dem Weltmarktpreis lagen.
Dieser Raub an den Früchten deutscher Tüchtigkeit verstieß gegen das damals (und heute noch) gültige Völkerrecht (Professor Dr. Carl Duisberg, 1923).
Die Ruinierer Europas
Als Wirtschaftsraum spielte Europa in Deutschland schon seit 1839 eine große Rolle (Friedrich List). Anders dagegen bei den Unternehmern und Staatsmännern der Entente. In senilem Starrsinn bestimmten sie 1918 das Schicksal Europas, ohne Rücksicht auf die Menschen, allein nach ihren machtpolitischen Interessen. Noch heute, nach über 80 Jahren, ist diese Ignoranz und Selbstüberschätzung von Clemenceau, Poincaré, Lloyd George und Wilson, diesen Ruinierern Europas, unbegreiflich. Nur Deutschland hielt als das technisch und wirtschaftlich führende Land des Kontinents den Schlüssel für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Europas in den Händen. Eine europäische Wirtschaftseinheit unter deutscher Führung hätte die Bedeutung Europas als Gegengewicht zu den Wirtschaftsräumen der USA und des fernen Ostens erhalten. Damit wären die Lebensgrundlagen aller europäischen Länder gestärkt worden (Vorwegnahme der heutigen europäischen Wirtschaftsgemeinschaft).
„Der Versailler Vertrag entsproß einem Deutschenhaß, der sich bis 1885 zurückverfolgen läßt, ferner dem von der Propaganda erzeugten Zerrbild vom preußischen Militarismus.“ (Prof. Dr. Winfried Baumgart, „Vom europäischen Konzert zum Völkerbund“, WBG 1974, S. 121)
Hass statt Versöhnung
„Deutschland hat nicht nur seine Handelsflotte und seinen Auslandsbesitz verloren, es hat auch 10 % seines Gebietes, 10 % seiner Kohle und 75 % seines Eisenerzes abtreten müssen. Das bedeutet die Beraubung eines ganzen Volkes. Diese Politik der Erniedrigung von Millionen lebendiger Menschen wird zu einem Bankrott und Verfall Europas führen, der uns alle erreicht. Sie kann die geschlagenen Mittelmächte nicht wieder zu guten Nachbarn machen. Anstatt Gedanken und Hoffnungen auf Eintracht in der europäischen Familie zu stärken, zementiert sie den Haß und den Nationalismus, von denen die Völker Europas jetzt besessen sind.“ (Zitiert nach Professor Dr. John Maynard Keynes, berühmter englischer Nationalökonom, 1922).
Das Samenkorn für das noch größere Unglück, das 1933 über Deutschland und Europa hereinbrach, war hier gelegt worden.
Aus der „Historischen Zeitschrift“ vom Oktober 1998, Band 267, S. 399 ff, werden hier einige Bemerkungen des bekannten Weltkriegsforschers, Prof. Dr. Gregor Schöllgen aus Erlangen, auszugsweise wiedergegeben:
„Die Forschung über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs erfährt derzeit in der deutschen Geschichtswissenschaft eine bemerkenswerte Renaissance. So tritt der schwierige Vergleich der deutschen Politik mit der Politik anderer Akteure an die Stelle der bisher recht provinziell anmutenden Nabelschau deutscher Kriegsschuldforschung. Daß die sogenannte Fritz-Fischer-Kontroverse, die in den sechziger und siebziger Jahren die Geschichtswissenschaft wie die interessierte Öffentlichkeit in Atem gehalten hat, vollständig versiegt ist, überrascht nicht. Die jetzt von deutschen Forschern für die Politik des kaiserlichen Deutschland vorgelegten Antworten lassen aufhorchen. Anders als ein bisher sorgfältig kultiviertes Vorurteil suggerierte, hat es in der deutschen Außenpolitik durchaus und immer wieder den Versuch gegeben, den Krieg zu vermeiden. Es war in den Reihen des deutschen Militärs sicher, daß ein allgemeiner europäischer Krieg nicht kurz und für Deutschland nicht zu gewinnen sein werde. Daß die deutsche Politik im Juli 1914 versagte, hat in erster Linie mit dem Mangel an Alternativen zu tun, der dazu führte, daß es unter dem Eindruck der Situation und der drängenden Militärs zu einer so offenkundig irrationalen Entscheidung kam. Mit dem nur drittstärksten Heer, hatte Paul Sethe schon 1954 betont, fängt keine Regierung einen Eroberungskrieg gegen Weltmächte an.
Die Auffassung, daß Militärs und Politiker in Berlin
entweder einen kurzen und für Deutschland erfolgreichen Krieg durchaus für
möglich gehalten oder aber mit ihrer „Flucht nach vorn“ ein ganz anderes,
nämlich innenpolitisches Ziel verfolgt haben, hat heute kaum noch Anhänger.
[An dieser These halten vorwiegend Historiker fest, die sich weniger an
Wissenschaftlichkeit, sondern mehr an Ideologie ausrichten. „Weil nicht sein
kann, was nicht sein darf“.]
Im 19. Jahrhundert wurde der Krieg, von vereinzelten warnenden Stimmen
abgesehen, noch als ein Weg zur Konfliktlösung betrachtet. Ein Krieg wurde
geführt, wenn andere Mittel – allen voran der Verhandlungsweg – nicht den
gewünschten Erfolg versprachen. Noch kannte man in Europa den modernen
Massen- und Vernichtungskrieg nicht, weder seine Mittel, noch seine
Methoden, noch die ideologisch motivierte Skrupellosigkeit einer totalen
Kriegsführung (im Namen von Freiheit und Demokratie!), auch gegen die
Zivilbevölkerung.
Die außereuropäische Welt war weitgehend verteilt; vor allem aber hatte Rußland im fernen Osten jene verheerende Niederlage gegen das aufstrebende Japan hinnehmen müssen, die das Zarenreich zwang, seine expansive Energie erneut auf Europa zu richten. Die Folge war eine Serie schwerer internationaler Krisen.
Um die Katastrophe des Kriegsausbruchs 1914 wirklich verstehen zu können, muß man den Blick in jene Zeit zurücklenken, in der die Weichen gestellt worden sind und fragen, ob sich die Akteure der Tragweite ihrer Entscheidungen bewußt gewesen sind und ob sie realisierbare Alternativen gesehen haben oder sehen konnten.
Neuere Forschungen lassen aufhorchen: Hatte man sich nicht darauf verständigt, daß nur die deutsche Politik in die Verantwortung für den Kriegsausbruch zu nehmen sei? Professor Dr. Konrad Canis (1998) sieht das anders. Vorsichtig in der Formulierung, eindeutig in der Sache, rückt bei ihm Großbritannien – wieder – als Hauptverantwortlicher ins Zentrum des Geschehens. Daß die internationale Mächtekonstellation um die Jahrhundertwende in Bewegung kam, lag nicht an der deutschen Flotten- oder Weltpolitik, sondern in erster Linie an England. Folglich richtete sich diese Bewegung auch nicht gegen die Inselmacht, sondern gegen Deutschland, die stärkste Macht und der atemberaubendste Aufsteiger auf dem Kontinent. Nicht anders dachten die Historiker mehrheitlich in der Zwischenkriegszeit. 1929 bestritt Professor Dr. Gerhard Ritter die Ernsthaftigkeit der englischen Bündnisangebote an Deutschland von 1898 und 1901. Ebenso ist sich Canis heute sicher, daß es eine tatsächliche englische Bündnisbereitschaft nicht gegeben hat. England hatte nichts anderes vor, als Deutschland gegen Rußland in China in Stellung zu bringen, möglichst in die vorderste Front. Mit eben diesem Argument, und daher nicht ohne Grund, hatte der deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow die angeblichen britischen Avancen zurückgewiesen.
Die Angst vor Macht- und Prestigeverlust beherrschte die deutsche Außenpolitik. Der wachsende Widerspruch zwischen fehlender Weltgeltung und steigendem Potential verstärkte die Nervosität der deutschen Politik. Im Zeitalter des Imperialismus wurde „Prestige“ zum überragenden Handlungsmotiv einer jeden Großmacht. Dahinter stand tatsächlich keine Bereitschaft zum Krieg, schon gar nicht zum großen europäischen. Und so hält es Canis für ungerechtfertigt, aus vollmundigen Äußerungen des deutschen Kaisers auf eine Kriegsbereitschaft der Reichsleitung zu schließen. Das alles ist gewiß noch nicht das letzte Wort, aber eine grundlegende Änderung wird diese Position in Zukunft nicht mehr erfahren.“
Aus „Die Zerstörung Europas“, (Propyläen, 1988, S. 102), Prof. Dr. Andreas Hillgruber:
„Die erstmalige Auswertung der Bulgarien und Rumänien
betreffenden Akten des politischen Archivs des Deutschen Auswärtigen Amtes zeigt überraschend, daß sich
Bethmann Hollweg um eine Begrenzung des serbisch-österreichischen Konfliktes
bemüht hat. Dem gleichen Ziel der Begrenzung des Konflikts dienten die deutschen diplomatischen Vorstöße in
Bukarest. Doch Rumänien lehnte ab. Aus diesen Aktenfunden ergibt sich, daß die deutsche
Reichsleitung sich wohl des hohen Risikos ihrer Politik in der Krise bewußt
war, sie legte es aber keineswegs – wie es Fischer und seine Schüler
behaupteten – darauf an, die Krise zur Auslösung eines deutschen
Kontinentalkrieges gegen Rußland und Frankreich zu nutzen.“
Für seine Thesen, Deutschland habe einen lang vorbereiteten Eroberungskrieg führen wollen, konnte Fritz Fischer nach Prof. Dr. Niall Ferguson keinen einzigen Beweis vorlegen. Fischers Behauptungen fanden bei internationalen und nationalen Historikern nur deswegen so hohe Aufmerksamkeit, weil sie sich bequem in die Umerziehungsrhetorik gegen Preußen-Deutschland einpassen ließen.
Aus „Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges“ (WBG, 1991, S. 5) Prof. Dr. Wolfdieter Bihl, Wien:
„Erst wenn alle Archive der alliierten Staaten, auch deren Geheimbestände, uneingeschränkt auswertbar sind, wird eine größtmögliche Objektivität der Beurteilung im Gesamteuropäischen Zusammenhang möglich sein.“
Jens Ulrich Heine (1998), Odenthal:
„Wissenschaft bricht Monopole: „We have the men, we have the ships, and we have the money too.“ Nach dieser victorianischen Devise regierten die Seemächte Westeuropas und Nordamerikas mit ihren Kolonien und ihrem Kapital in Nord- und Südamerika, Nah- und Fernost, Australien und im südlichen Afrika 200 Jahre lang über die Rohstoffe dieser Welt. Sie diktierten Ausfuhrmengen und -preise von Chilesalpeter, brasilianischem und malayischem Naturkautschuk, von indischem und chinesischem Indigo, nordamerikanischer Baumund australischer Schafswolle, von heilender Chinarinde aus Ostindien, von Petroleum aus texanischem und arabischem Erdöl, südafrikanischen Diamanten und Edelmetallen u.v.m. Mit diesen Monopolen verschafften sie sich nicht nur Reichtum, sondern vor allem Macht. Macht über die „Habenichtse“ dieser Welt.
Der Aufstieg der deutschen chemischen Industrie seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zur weltweiten Dominanz und Marktführerschaft läßt sich vor diesem Hintergrund auf eine einfache Formel bringen. In einem rohstoff- und devisenarmen Land bewirkte sie sehr erfolgreich den Austausch natürlicher Rohstoffe, die importiert werden mußten, durch Umwandlung nationaler Grundstoffe, die als synthetische Roh-, Zwischen- und Fertigprodukte in alle Welt exportiert werden konnten.
Mit künstlichen Farben, Fasern und Edelsteinen, mit Kunststoffen, Synthesekautschuk und -Treibstoffen, mit Arznei-, Pflanzenschutz- und Düngemitteln aus Kohle, Wasser, Kalk und Luft revolutionierten deutsche Wissenschaftler die Welt. „Wissenschaft bricht Monopole“. Kaum jemand kennt die chemischen Zusammensetzungen dieser „Kunstprodukte“. Aber als Indanthren und Agfacolor, Perlon und Dralon, Plexiglas und Styropor, Buna und Moltopren, Aspirin und Salvarsan wurden Warenzeichen zu Gattungsbegriffen, bekannt seit eh und je. Deutsch wurde zur internationalen Sprache der Naturwissenschaften. Globalisierung gehörte von Anfang an zur Existenzgrundlage der deutschen chemischen Industrie. 1914 deckte sie 87 Prozent des Weltfarbstoffbedarfs und galt als „Apotheke der Welt“.
Siehe auch
Deutschlands großer Sprung nach vornMit ihren Entdeckungen wiesen deutsche Forscher und Techniker den Weg aus Hunger, dem Mangel an Kleidung und industrieller Rückständigkeit – den Weg aus der Angst vor Abhängigkeit und Fremdbestimmung. Befreiung durch Chemie! Unerfüllbar erscheinende Wünsche und Sehnsüchte der Unterprivilegierten und ihre Hoffnungen auf wirtschaftlichen Fortschritt ließen sie Wirklichkeit werden – und beseitigten gleichzeitig Monopole und Einfluß der Wohlhabenden und Mächtigen. Die Folge war die Feindschaft des britischen Imperiums und der Vereinigten Staaten, die die Märkte der Weltrohstoffe beherrschten und bis zum Weltkrieg hinter der deutschen Chemie herhinkten. Kurz vor Kriegsausbruch forderte die Londoner „Morning Post“: „Es muß unser Ziel sein, den deutschen Handel zu vernichten“.
Im Jahre 1919 bemerkte der englische Premierminister Lloyd George zu Lord Riddell: „Wir Briten haben uns durchgesetzt. Die deutschen Handelsschiffe sind ausgeliefert. Unser Hauptkonkurrent im Handel ist zum Krüppel geschlagen.“
Nachtrag
In A 1080 APPENDIX TO THE CONGRESSIONAL RECORD
(1941) wird von US-Senator
Rush D. Holt ein Brief zitiert, den Winston
Churchill im Jahre 1936 an Mr. William Griffin, den
Herausgeber und Verleger der Zeitung „New York
Enquirer“, gerichtet hat. Darin habe Churchill
ausgeführt: „America’s entrance into the war was
disastrous not only für your country but for the Allies
as well, because had you stayed at home and minded
your own business we would have made peace with
the Central Powers in the spring of 1917, and then
there would have been no collapse in Russia, followed
by communism; no break-down in Italy, followed by
fascism; and Nazism would not at present be
enthroned in Germany.“ (Amerikas Kriegseintritt
war verheerend nicht nur für die USA, sondern auch
für die Alliierten, denn wären die USA zu Hause
geblieben und hätten sich um ihre eigenen
Angelegenheiten gekümmert, wir (die Alliierten)
hätten im Frühjahr 1917 mit den Mittelmächten Frieden
geschlossen. Es wäre nicht
zum Kollaps in Rußland gekommen mit dem nachfolgenden
Kommunismus, kein Zusammenbruch in
Italien mit dem nachfolgenden Faschismus; und
Nazismus würde jetzt nicht in Deutschland an die
Regierung gekommen sein.)
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers)
Oswald Spengler über den Ersten Weltkrieg
„Der Krieg von 1914 aber wurde von England nicht Frankreichs oder gar Belgiens wegen geführt, sondern (…), um Deutschland als Wirtschaftskonkurrenz wenn möglich für immer auszuschalten. (…) Der Vertrag von Versailles sollte gar keinen Friedenszustand begründen,
sondern die Machtverhältnisse derart regeln, daß das Ziel jederzeit mit neuen Forderungen und Maßnahmen gesichert werden konnte. Daher die Auslieferung der Kolonien, der Handelsflotte, die Beschlagnahme der Bankguthaben, Besitzungen, Patente in allen Ländern,
die Abtrennung von Industriegebieten wie Oberschlesien und dem Saarland, die Einführung der Republik, von der man mit Recht eine Untergrabung der Industrie durch die allmächtig gewordenen Gewerkschaften erwartete, und endlich die Reparationen, die wenigstens
im Sinne Englands keine Kriegsentschädigung sein sollten, sondern eine dauernde Belastung der deutschen Wirtschaft bis zu deren Erliegen.“Oswald Spengler, deutscher Geschichtsphilosoph und Schriftsteller (1880-1936)
in „Jahre der Entscheidung“, Sommer 1933
