War Wilhelm II. ein Fall für die Psychiatrie?

Noch zu Lebzeiten Wilhelms II. wurde in der deutschen Öffentlichkeit und Publizistik viel über den Geisteszustand Wilhelms II. diskutiert und spekuliert.

Der linksliberale Historiker Ludwig Quidde hatte bereits 1894 – Wilhelm II. war erst seit sechs Jahren Kaiser – eine Abhandlung über Caligulas Cäsarenwahnsinn veröffentlicht, die auf Wilhelm II. gemünzt war und von den Hunderttausenden von Lesern auch so verstanden wurde.

Besonders in den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges, als die Mehrheit der gedemütigten Deutschen die Schuld für den verlorenen Krieg einseitig beim nach Holland geflohenen Ex-Kaiser Wilhelm II. suchte, sorgten zahlreiche Veröffentlichungen in medizinischen Fachzeitschriften über die angebliche Geisteskrankheit Wilhelms II. für nachhaltige Rezeption und spiegelten die breite öffentliche Meinung in Deutschland wider.

Elemente dieser Diagnose wurden auch in zahlreichen Büchern aufgegriffen, z.B. in der wirkmächtigen kritischen Wilhelm-Biographie von Emil Ludwig, die 1925 in einer Millionenauflage erschien und das öffentliche Bild Wilhelms II. in der Weimarer Republik maßgeblich prägte.

Wirklich stichhaltige medizinische Beweise wurden freilich nie erbracht – aber bis heute lassen die typischen Charakterisierungen Wilhelms II. in Presse und TV-Dokumentationen zumindest die Möglichkeit offen, daß der letzte deutsche Kaiser Spuren von Wahnsinn zeigte.

Schon 1964 wurde dieser Pseudobefund in einer Besprechung der Neuauflage von Emil Ludwigs Biographie von Wilhelm Treue in der ZEIT zurückgewiesen:
„Daß man unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges alle Schuld, die es zu konstatieren gab, mit Vorliebe auf den fahnenflüchtigen Kaiser häufte, ist menschlich so verständlich wie der Versuch, das Phänomen ‚Nationalsozialismus‘ auf dem gleichen Wege durch die Verurteilung des gleichfalls fahnenflüchtigen ‚Führers‘ zu erledigen. Da solche Bemühungen sehr bald nicht mehr voll befriedigten, ging man beide Male dazu über, den Verurteilten durch Konstatierung von Geisteskrankheit zu ‚erklären‘. Aber Wilhelm II. zumindest dürfte trotz mehrerer Aufsätze von Psychiatern in medizinischen Fachzeitschriften während der Jahre 1919/20 kaum bemerkenswert kranker oder unnormaler gewesen sein als viele Normale in seiner Zeit – auch außerhalb Deutschlands.“ (DIE ZEIT, 16.10.1964)

Der bekannteste Wilhelm II.-Kritiker und Historiker John Röhl veröffentlichte 1989 einen aus heutiger Perspektive fragwürdigen Vortrag mit dem Titel „Kaiser Wilhelm II. Eine Studie über Cäsarenwahnsinn“ (in der Reihe Schriften des Historischen Kollegs im Auftrag der Stiftung Historisches Kolleg im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft). Darin zieht Röhl eine unseriöse Linie von einer kritischen Beurteilung des damals 14-jährigen, pubertierenden Wilhelm durch seinen Erzieher Hinzpeter zur Cäsarenwahnsinn-Analogie von Ludwig Quidde: „Der abnorme Geisteszustand [Wilhelms II.], der von so vielen Zeitgenossen wahrgenommen wurde, ist also in seinen Grundzügen hier [bei Hinzpeter] bereits klar erkennbar. Wenn wir jetzt noch bedenken, welche Auswirkung auf einen solchen Menschen die enorme Machtfülle der Kaiserwürde, die Manipulationen der Bismarckfamilie und der preußischen Armee, der Byzantinismus der Höflinge und der unreflektierte Jubel der Massen haben mußten, so ist Ludwig Quiddes Bezeichnung ‚Cäsarenwahnsinn‘ gar nicht schlecht gewählt.“
Zuvor hatte Röhl zahlreiche vermeintliche Beispiele für die diversen Ausprägungen von Caligulas Cäsarenwahnsinn bei Wilhelm II. angeführt. „Diese Quellenaussagen – die sich alle leicht verzehnfachen ließen – bestätigen also in eindrucksvoller Weise die von Ludwig Quidde geschilderten Symptome des ‚Cäsarenwahnsinns‘, wie er den Seelenzustand Wilhelms II. nennt. Vielleicht fragen Sie sich jetzt aber, meine Damen und Herren, wieso denn andere Zeitgenossen nicht ebenfalls zu der Einsicht kamen, daß die Geistesverfassung des Kaisers nicht normal war? Die Antwort darauf ist einfach: Alle Personen, die ihn näher kannten, sind früher oder später genau zu dieser Auffassung gekommen.“ Wäre dem wirklich so gewesen, müßte man sich fragen, wie Wilhelm II. 30 Jahre lang regieren konnte, ohne abgesetzt zu werden!

Im November 2018 – genau hundert Jahre nach Kriegsende – setzte sich der Medizinhistoriker Dr. David Freis in der FAZ erneut – und im Gegensatz zu Röhl mit medizinisch-fundierter Expertise – mit der Thematik auseinander. Er kam zu einem ganz anderen Urteil: „Nicht erst im November 1918 wurden psychiatrische Diagnosen der angeblichen Geisteskrankheit des Kaisers zu Waffen im politischen Kampf  […] Über den tatsächlichen Geistes- und Gesundheitszustand des letzten deutschen Kaisers läßt sich so nichts erfahren – umso mehr aber über die Konflikte und Deutungskämpfe, die an dieser Frage stellvertetend ausgefochten wurden. Die ‚Geisteskrankheit‘ Wilhelms II. war eine vieldeutige und widersprüchliche Metapher.“

Hören Sie hier den vollständigen FAZ-Essay von Dr. David Freis als Podcast

Nun haben sich zwei weitere Medizinhistoriker, Dr. med. Florian Bruns und Prof. Axel Karenberg, in ihrem Fachartikel „Vom Neurastheniker zum Bipolaren: Kaiser Wilhelm II. im Spiegel psychiatrischer Diagnosen des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Reihe „Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie“, Thieme) der Thematik gewidmet und kommen zu einem ähnlichen Urteil wie David Freis: „Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Monarchie haben sich viele Ärzte dahingehend geäußert, dass Kaiser Wilhelm II. psychisch krank gewesen sein müsse. Sie attestierten ihm unter anderem eine manisch-depressive Erkrankung, eine ‚allgemeine Nervenschwäche‘ oder eine ‚angeborene psychische Entartung‘. […] Es gibt nur wenige medizinische Aufzeichnungen über den Kaiser, das meiste sind allgemeine Zeitzeugnisse. Die Diagnosen sind daher letztlich Ferndiagnosen und somit Spekulationen.“ Ferner: „Die ad personam gerichteten Angriffe dienten seinen Gegnern als Mittel der politischen Auseinandersetzung und erreichten 1918/19 einen Höhepunkt, als über die Verantwortung für den verlorenen Ersten Weltkrieg gestritten wurde. Das Beispiel Wilhelms II. zeigt, dass sich Expertise und Deutungsmacht der Psychiatrie Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Politik ausdehnten.“

Lesen Sie mehr im Artikel von DAMALS sowie bei FOCUS Online

Fazit: Wer Wilhelm II. heute noch Formen von Geisteskrankheit unterstellt, bewegt sich auf unseriösem Terrain und findet in den oben genannten neuen medizinhistorischen Fachpublikationen stichhaltige Gegenargumente. Der spätestens jetzt unhaltbaren Cäsarenwahnsinn-These von John Röhl von 1989 steht folgender Satz aus dem Fachartikel von Bruns und Karenberg mahnend entgegen: „Der Fall [Wilhelms II.] verweist überdies auf die Problematik psychiatrischer Ferndiagnosen und erinnert an die notwendige Trennung von psychiatrischem und politischem Urteil.“ Dies freilich ist umso bedauerlicher, als Röhls Cäsarenwahnsinn-These von 1989 gleichsam als Prämisse für seine ab 1993 veröffentlichte dreibändige Wilhelm II.-Biographie gesehen werden kann. Diese gilt nach wie vor als Standardwerk, und John Röhl kommt in fast jeder TV-Dokumentation zu Wilhelm II. weiterhin unwidersprochen zu Wort.

Buchpräsentationen in Berlin zur erweiterten Neuauflage von „Kaiserzeit und Moderne“

Bereits 2007 veröffentlichten die beiden Berlin-Experten Michael Bienert und Elke Linda Buchholz ihr Buch „Kaiserzeit und Moderne. Ein Wegweiser durch Berlin“. Sie erzählten darin in Form eines Reiseführers die rasante Entwicklung Berlins in der Kaiserzeit zu einer modernen Metropole von Weltrang.

Die Studie trug maßgeblich zur Korrektur des verbreiteten Vorurteils bei, das kaiserliche Berlin sei insgesamt ein Hort der gesellschaftlichen Rückständigkeit und Spießigkeit gewesen. Zitat des herausgebenden Berlin Story-Verlags: „Die Metropolenkultur vor dem Ersten Weltkrieg war innovationsfreudig, vielstimmig, liberal und weltoffen, kaum weniger als in der Weimarer Republik.

Dieses Standardwerk ist vor einigen Tagen unter dem Titel „Modernes Berlin der Kaiserzeit. Ein Wegweiser durch die Stadt“ in einer erweiterten und komplett überarbeiteten Neuauflage erschienen, die wir wärmstens empfehlen – schließlich sind viele Errungenschaften aus der Kaiserzeit bis heute maßgeblich: „Vieles, was zwischen 1871 und 1914 neu war, ist bis heute in Gebrauch und prägt den Stadtcharakter.“

Sie können das Buch (320 Seiten; 19,95 €) hier bestellen:
www.berlinstory.de/verlag/programm/preussen/kaiserzeit-und-moderne/

Buchpräsentationen in Berlin

Autor Michael Bienert stellt die Neuauflage an folgenden drei Terminen in Berlin persönlich vor:

  • Mittwoch, 31. August 2016, 18:00 Uhr:
    Buchpremiere und Lichtbildvortrag – mit Ko-Autorin Elke Linda Buchholz
    Villa Oppenheim, Schloßstraße 55, 14059 Berlin,
    (Anmeldung erbeten unter Tel: 030/902924-106)
  • Donnerstag, 8. September 2016, 17:30 Uhr
    Vortrag mit Bildern
    Urania Berlin, An der Urania 17, 10787 Berlin,
    Tel.:
    030/2189091
  • Mittwoch, 22. September 2016, 19:00 Uhr
    Buchpräsentation
    Berlin-Studien, Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Breite Str. 30-36, 10178 Berlin, Tel.: 030/90226-485

Thilo Sarrazin: Merkel, Erdogan, Sultan Mehmed V. und Wilhelm II.

Thilo Sarrazins neuestes Buch Wunschdenken ist das derzeit meistverkaufte Sachbuch in Deutschland, es liegt auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

In Deutschland weniger bekannt ist, daß Sarrazin im Schweizer Wochenmagazin Die Weltwoche in seiner Kolumne Brief aus Berlin regelmäßig denkwürdige Stellungnahmen veröffentlicht (Die Weltwoche wird vom Schweizer Roger Köppel, ehemals Chefredakteur der deutschen Zeitung Die Welt, herausgegeben).

In seiner neuesten Kolumne vom 4. Mai (in Heft 18/2016) mit dem Titel „Türkisches Hineinregieren“ übt Sarrazin scharfe Kritik an Bundeskanzlerin Merkel, die sich durch ihr devotes Verhalten gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdoğan in eine Situation manövriert habe, die „das politische Ende von Angela Merkel eingeläutet“ haben könnte.

Sarrazin weist darauf hin, daß Merkels Anbiederung an Erdoğan historisch beispiellos sei. Mit Blick auf Europa notiert er: „Europa [hat sich] seine Standards bislang nicht von anderen diktieren lassen. Es ist nicht bekannt, dass der Osmanische Sultan Mehmed V. beim deutschen Kaiser Wilhelm II. in Presseangelegenheiten interveniert hätte und dieser daraufhin tätig geworden wäre.“ 

Diskussion um den Berliner Neptunbrunnen

Der Neptunbrunnen in Berlin-Mitte auf dem Platz zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche (in der Nähe des Fernsehturmes/Alexanderplatzes) ist auch heute ein beliebtes Fotomotiv:

neptunbrunnenpanorama   neptunbrunnendetail

Der Neptunbrunnen wurde 1891 ursprünglich vor dem Berliner Schloß errichtet. Er war ein Geschenk des Berliner Magistrats an den jungen Kaiser Wilhelm II. – eine Tatsache, die weitgehend vergessen ist!

neptunbrunnen1900

Der später sehr bekannte Bildhauer Reinhold Begas schuf den Brunnen in 3jähriger Arbeit; er stellt eine der größten bildkünstlerischen Brunnenanlagen der Welt dar! Die bekannten vier Frauenfiguren am Rand des Brunnens sollen die Flüsse Rhein, Weichsel, Oder und Elbe symbolisieren.

Nachdem die DDR-Führung das Schloß 1951 sprengen ließ, wurde der vom Krieg verschonte Brunnen demontiert und 1969 auf dem Platz zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche neu errichtet, wo er noch heute steht. Im Zuge des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses entbrannte in jüngster Zeit auch die Diskussion um die Gestaltung des Schloßumfeldes neu. Viele wünschen eine Rückverlegung des Neptunbrunnens an seinen ursprünglichen Platz vor dem Schloß – geht dieser Standort doch auf den Plan des genialen preußischen Baumeisters Karl-Friedrich Schinkel zurück.

Nach einem Beschluß des Berliner Senats soll der Neptunbrunnen jedoch auf seinem jetzigen Platz verbleiben. Es bleibt zu hoffen, daß nach Wiederherstellung der barocken Schloßfassaden 2019 der Ruf neu laut wird, das ganze stimmige historische Schloßensemble – mitsamt Neptunbrunnen – wiederherzustellen und daß der Senatsbeschluß letztlich revidiert wird.

Siehe auch: „Der Neptunbrunnen gehört vors Schloss“ (Tagespiegel-Artikel)

Historiker Stefan Scheil zu alliierten Kriegsvorbereitungen am 24. Juli 1914

Der Historiker Dr. Stefan Scheil hat kürzlich in einem Beitrag für die Zeitschrift sezession die Geschehnisse auf alliierter Seite am 24. Juli 1914 dokumentiert. Was sich an diesem einzigen, exemplarisch ausgewählten Tag alles zutrug, ist höchst entlarvend und legt den Schluß nahe, daß die Entente schon zu diesem Zeitpunkt gezielt auf einen Krieg zusteuerte  während sich der deutsche Kaiser noch im Urlaub auf Nordlandreise befand.

In Kürze wird Scheil ein Buch mit dem Titel Mitten im Frieden überfällt uns der Feind veröffentlichen (Landtverlag, 240 S.), das auf Basis zahlreicher Quellen die alliierten Kriegsvorbereitungen eingehend beleuchten wird.

Lesen Sie den sezession-Artikel von Stefan Scheil zum 24. Juli 1914 unter:
www.sezession.de/46144/ein-tag-im-20-jahrhundert-der-24-juli-1914.html

„Vergleichende Geschichtstabellen“ (1921) von Wilhelm II. dokumentieren Zuspitzung der Julikrise vor genau 100 Jahren

Heute vor 100 Jahren trat Kaiser Wilhelm II. die vorzeitige Rückreise von seiner Nordlandreise an, die er am 6. Juli begonnen hatte, denn eine Zuspitzung der Julikrise zeichnete sich ab.
Man erwartete die serbische Antwort auf das Ultimatum, das Österreich am 23. Juli – also erst 2 Tage zuvor und 17 Tage nach der Abreise des Deutschen Kaisers in den Urlaub nach Norwegen – an Serbien gerichtet hatte.
Vom genauen Inhalt des Ultimatums hatte Wilhelm II. erst aus der norwegischen Presse erfahren – nicht aus Berlin!
Wollte man den Kaiser bewußt im Unklaren lassen, da man seine bremsenden Interventionen (er wurde von Falken als „Zauderer“ verlacht) fürchtete?
Jedenfalls setzte sich der Kaiser sofort nach seiner Rückkehr in Potsdam am 27. Juli per Telegramm mit dem russischen Zaren und englischen König in Verbindung, um eine Eskalation der Lage zu verhindern und die unheilvolle Entwicklung zu stoppen – letztlich freilich erfolglos.

Im Jahre 1921 veröffentliche Wilhelm II. aus dem holländischen Exil seine „Vergleichenden Geschichtstabellen“, in denen er Schlüsselereignisse von 1878 bis zum Kriegsausbruch 1914 chronologisch und nach Nationen gegliedert auflistete. Die Entwicklung der Julikrise hatte Wilhelm II. darin minutiös rekonstruiert, bei vielen Ereignissen war sogar die Uhrzeit angegeben. Sie zeigen die mehrfachen, verzweifelten Initiativen des Kaisers, den Frieden zu retten, die freilich untergraben wurden und erfolglos blieben – auch durch den gezielten Druck, den die französische Regierung unter Präsident Poincaré auf Rußland ausübte (während sich der Deutsche Kaiser isoliert im Urlaub befand, weilte Poincaré vom 19.-23. Juli am Zarenhof und versicherte der russischen Regierung bedingungslose Unterstützung im Kriegsfall – quasi ein Blankoscheck Frankreichs, wie er später vor allem Deutschland gegenüber Österreich vorgeworfen wurde).

Sie können die nachträgliche kaiserliche Dokumentation der Ereignisse dieser entscheidenden Tage vor genau 100 Jahren hier nachlesen (klicken Sie unten auf den Link „Vergleichende Geschichtstabellen“ für eine vergrößerte Darstellung):

Aufgelesen: Steuerlast im Kaiserreich

Auch im deutschen Kaiserreich, welches ja gemeinhin in der Vorstellung der bundesdeutschen Bürger ein Hort der Unfreiheit, der Ausbeutung und des Duckmäusertums war, hütete man sich, die Einkünfte der Untertanen allzu stark zu besteuern. Nach der Steuerreform von Johannes von Miquel im Jahre 1893 lag der Einkommensspitzensteuersatz bei vier (!!) Prozent und wurde erst ab 100.000 Mark Jahreseinkommen erhoben.“

Quelle: www.mmnews.de/index.php/politik/19069-im-deutschen-kaiserreich-gab-es-nur-4-steuern 

Zitat aus „Die Schuld lag nicht bei Deutschland“

Philippe Simonnot schreibt auf Seite 66:

Der moralische Mythos der Schuld Deutschlands hatte keine andere Funktion, als die Reparationen zu rechtfertigen.
Dies sollte man niemals vergessen. Die Geschichte – man weiß das nur zu gut – wird von den Siegern geschrieben.
Aber in diesem Fall ist ihre Verfälschung zu einem Meisterwerk geraten.

Sean McMeekin: Wilhelm II. in der Hochphase der Julikrise 1914

Auf Seite 389 der deutschen Übersetzung schreibt der US-Historiker Sean McMeekin in seinem Buch „Juli 1914 – der Countdown zum Krieg“:

„England, Frankreich und Rußland haben sich verbündet, um  gegen uns einen Vernichtungskrieg zu führen und nehmen den österreichisch-serbischen Konflikt als Vorwand.“ Er [Wilhelm II.] schloss (erneut), dass alle Hoffnung auf Frieden verloren sei und schrieb: „Jetzt muß dieser ganze Betrug schonungslos offengelegt werden und die Maske christlicher Friedfertigkeit unsanft und öffentlich vom Gesicht Englands gerissen werden… Und unsere Konsuls in der Türkei, in Indien, Agenten usw. müssen die ganze mohammedanische Welt entflammen, auf dass man sich gegen dieses verhasste , verlogene, gewissenlose Volk von Krämerseelen einen wilden Aufstand anzettelt; wenn wir uns schon zu Tode bluten sollen, dann soll England wenigstens mindestens Indien verlieren.“

Lassen wir die extreme Rhetorik (und seine Vision von einem heiligen islamischen Krieg) beiseite, dann lag der Kaiser mit seiner Intuition ein weiteres Mal richtig. Genau wie seine verärgerten Marginalien vom Donnerstagmorgen exakt den Ablauf der russischen Kriegsvorbereitungen erahnt hatten, so erfasste er jetzt, am Donnerstagabend, das Wesentliche dieser verheerenden strategischen Lage in seinem erregtem Gefühlszustand deutlich klarer als zu späterer Stunde, als er sich wieder beruhigt hatte. Zur gleichen Zeit, als er die blindwütigen Marginalien kritzelte – das war gegen 19 am Donnerstag des 30. Juli -, kam die geheime russische Mobilmachung gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in Bewegung. Und zur gleichen Stunde hatte mittlerweile auch Frankreich Truppen zum Schutz an der deutschen Grenze abgestellt.

So verwirrt wie sich der antienglische Wutausbruch des Kaisers auch darstellte, die britische Neutralitätshaltung […] war in der Tat unaufrichtig; das wurde durch die voreingenommene  Verhandlungsposition, das Leugnen der russischen Kriegsvorbereitungen und Greys kürzliche Drohung (im Gegensatz zu seinen häufig erfolgten und hinterlistigen Neutralitätsversprechen) bestätigt.

Immer wenn seine inneren Dämonen die Oberhand gewannen, sah der Kaiser die Dinge äußerst klar.“

Veranstaltungshinweis für Berlin

Preußische Gesellschaft:

Frank Riedel (Preußenmuseum Wustrau) spricht am Mittwoch, 21.5.2014 um 19 Uhr im Hilton Hotel am Gendarmenmarkt zum Thema:

„Der Kaiser, die Moderne, Made in Germany am Vorabend des 1.Weltkrieges“