Frank-Lothar Kroll über die Modernität des Deutschen Kaiserreichs

Bereits im April letzten Jahres veröffentlichte der in Chemnitz lehrende Historiker Frank-Lothar Kroll sein Büchlein Geburt der Moderne: Politik, Kultur und Gesellschaft im deutschen Kaiserreich 1900-1917.

Kroll, der sich durch zahlreiche Publikationen zu Preußen einen Namen gemacht hat und als Experte auf diesem Gebiet gelten darf, wehrt sich in seinem kurzen Abriß (gut 200 Seiten) der Geschichte des späten Kaiserreichs gegen dessen Dämonisierung und einseitige Betrachtungsweise, wie sie jahrzehntelang vorherrschte. Ausdrücklich betont Kroll die Modernität des Kaiserreichs, gerade im Vergleich mit den anderen Staaten der damaligen Zeit, und widerlegt die These vom Deutschen Sonderweg von Bismarck zu Hitler.

Rainer Blasius bewertete in der FAZ Krolls Werk als höchst informative Studie“.
Es ist daher an der Zeit, sie erneut in Erinnerung zu rufen und zur Lektüre zu empfehlen – gerade jetzt, nachdem die Weltkriegsdebatte abgeflaut ist, die in den letzten Monaten das Thema Kaiserreich einseitig dominierte.

Das Buch ist erhältlich unter:
www.bebraverlag.de/neuerscheinungen/titel/377–geburt-der-moderne.html

Christopher Clark verteidigt sich gegen die Kritik deutscher Historiker

clarkChristopher Clarks Monumentalwerk Die Schlafwandler ist zweifellos die wirkmächtigste der zahllosen  Neuerscheinungen zum 1. Weltkrieg. Kein anderes Buch zum Thema hat eine solche Aufmerksamkeit erregt, über keines wurde mehr diskutiert. Inzwischen ist die 15. Auflage gedruckt, und bereits Anfang Mai waren in Deutschland 200.000 Exemplare des Buches verkauft.

Vor gut 50 Jahren hatte Fritz Fischer mit seiner These vom „Deutschen Sonderweg“ und der Behauptung der deutschen Hauptschuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges die quasioffizielle Leseart vorgegeben, der seitdem fast alle deutschen Historiker von Rang und Namen unwidersprochen folgten – bis eben Clark seine „Schlafwandler“ vorlegte.

Es ist naheliegend, daß Clarks Werk und Wirkungsmacht für die etablierten Historiker eine gewaltige Provokation darstellten muß – schließlich wurde die bisher gültige Sichtweise, wie sie von den Historikern seit Jahrzehnten gleichsam ex cathedra gelehrt und stur verteidigt wurde, durch Clarks Forschungen widerlegt oder zumindest stark relativiert.

Die Historiker waren also herausgefordert, gleichwohl konnten sie Clarks Argumentation im Kern nicht wirklich widerlegen, dafür war sie zu schlüssig. Folglich verlagerte sich ihre Kritik zunehmend auf einen Nebenschauplatz, der freilich Clarks Werk in der Substanz treffen sollte: der Kritik an Clarks Quellenarbeit. Prof. Gerd Krumeich  z.B. warf Clark vor, gerade die entscheidenden Dokumente, die Deutschland belasten würden, unterschlagen zu haben. Hans-Ulrich Wehler übte in der FAZ Quellenkritik an Clark und warf ihm Einseitigkeit vor.

Es ist in der Tat ein Kuriosum: Ausgerechnet Clark, der erstmals einen breiten Fokus hat und nicht nur Deutschland, sondern alle beteiligten Nationen im Blick behält, wird nun Einseitigkeit vorgeworfen! Gerade seine betont differenzierte Betrachtungsweise wird als zu einseitig gebrandmarkt – ein im Grunde lächerlicher, da widersprüchlicher Vorwurf, der nur offenbart, wie hilflos und dünnhäutig die angegriffenen Historiker reagieren. Entlarvend ist, daß diese letztendlich immer wieder auf Fritz Fischer verweisen und den Eindruck vermitteln, mit Fischer sei eben bereits alles zum Thema gesagt (siehe dazu auch Prof. John Röhls Artikel in der Süddeutschen Zeitung).

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (15.06.2014, S. 4) nahm Clark nun ausführlich Stellung zur jüngsten Quellenkritik. Er betonte, sich seit langem intensivst mit Fritz Fischer auseinandergesetzt zu haben. Fischer sei auch durchaus zuzustimmen  in der Beschreibung der Kriegsvorbereitung eines Teils der deutschen Elite. Aber man könne diese Kriegspläne einer Teilelite eben nicht auf den ganzen Staat beziehen, wie es Fischer und die meisten Historiker nach ihm getan haben.  Zudem müßten auch die Motive und das Verhalten der anderen beteiligten Nationen berücksichtigt werden, sonst würden „die Zeitläufte der Weltgeschichte allein in Berlin bestimmt. Solche Ansichten teile ich nicht“.

Warum Clarks Werk eine derartige Provokation für die hiesige etablierte Historikerzunft darstellt, dafür liefert Clark im Interview selbst die Erklärung: „Es ist auch nicht überraschend, dass einige Historiker wütend werden. Sie haben ihr gesamtes Leben in eine bestimmte Interpretation investiert, und dann kommt jemand und stellt alles in Frage.“  Und: Für die Deutschen gehört die Behauptung einer deutschen Allein- beziehungsweise Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zumindest in linksliberalen Kreisen seit Dekaden zur Grundausstattung ihres Geschichtsbewusstseins.“

Lesen Sie das ganze Interview mit Christopher Clark unter: www.faz.net/aktuell/politik/christopher-clark-im-gespraech-woher-wissen-sie-was-die-oesterreicher-traeumten-12990727-p2.html?printPagedArticle=true

Prof. Niall Ferguson: „Wir werden überhaupt nichts lernen, wenn wir in diesem Jahrhundertjahr bloß sagen, die Deutschen seien an allem schuld gewesen.“

Der britische Harvard-Professor Niall Ferguson erregte bereits 1999 Aufsehen, als er in seinem Buch „The Pity of War“ als erster Historiker seit Jahrzehnten die These von der deutschen Hauptschuld am 1. Weltkrieg zurückwies. Schon damals widersprach er der in England offiziellen Deutung vom 1. Weltkrieg als „gerechten Krieg“, den Großbritannien geführt habe. An dieser Deutung hält die englische Regierung mit Premier Cameron auch im Jubiläumsjahr 2014 fest; der englische Bildungsminister warf Ferguson kürzlich vor, „Britannien schlechtzumachen und Deutschland von der Kriegsschuld zu entlasten“ (FAZ.net).

Im BBC legte Ferguson jetzt nach und bezeichnete den sofortigen englischen Kriegseintritt 1914 – der aus dem Balkankrieg einen Weltkrieg machte – als Fehler, auch deshalb, weil das Deutsche Kaiserreich demokratischer gewesen sei als das damalige Großbritannien!

Dies sind in der Tat provokative Aussagen, die zusammen mit denen von Prof. Christopher Clark das einseitige gängige Geschichtsbild vom bösen Deutschen Kaiserreich und der guten Entente gehörig ins Wanken bringen. Dies anzuerkennen, bereitet freilich nicht nur der englischen Regierung, sondern auch vielen Deutschen noch Schwierigkeiten.

Erfahren Sie mehr im bemerkenswerten Bericht der FAZ unter:
www.faz.net/aktuell/feuilleton/fergusons-umstrittene-weltkriegs-these-jeder-hat-sich-verrechnet-12777518.html