FAZ zum Mythos „Untertanenstaat“ und „Deutscher Sonderweg“

Das Zerrbild, daß das deutsche Kaiserreich ein illiberaler Untertanenstaat gewesen sei und daß sich das Deutsche Reich auf einem fatalen „Sonderweg“ befunden habe, der zu Hitler führen mußte, ist immer noch weiterverbreitet. Gleichwohl haben besonders in den letzten Jahren zahlreiche Historiker aus dem In- und Ausland dieses jahrzehntelang wirkmächtige Narrativ relativiert und widerlegt. Wir selbst haben in unserem Artikel „Deutschlands großer Sprung nach vorn“ die Modernität des Kaiserreichs ausführlich dargelegt und uns der Widerrede angeschlossen.

Nun veröffentlichte die habilitierte Historikerin Hedwig Richter (*1973) in der FAZ einen Beitrag unter dem Titel „Wir Untertanen“, der ebenfalls Widerspruch leistet.
Lesen Sie hier Hedwig Richters FAZ-Beitrag

Hans-Ulrich Wehler †

Hans-Ulrich Wehler, der vielleicht einflußreichste Historiker der letzten Jahrzehnte in der Bundesrepublik, ist am Samstag im Alter von 82 Jahren verstorben. Wehler galt als Gallionsfigur einer neuen Art von Geschichtsschreibung (nach seinem Wirkungsort „Bielefelder Schule“ benannt), die nicht mehr die „großen entscheidenden Personen“ (wie z.B. Alexander den Großen, Napoleon oder Hitler) ins Zentrum der Geschichte stellte, sondern vermehrt sozialpolitische Strömungen und gesellschaftliche Prozesse als Handlungsträger ausmachte. Vertreter der Alten Schule (z.B. Golo Mann oder Joachim Fest) wurden von Wehler massiv kritisiert oder – z.B. im Rahmen des Historikerstreits 1986/87 – auch persönlich angegriffen. Wehler führte hier einen Feldzug, in dem er letztlich erfolgreich war – seine Sicht war in den 70er bis 90er Jahren die quasi-offiziöse Denkweise in der bundesrepublikanischen Elite und Presselandschaft geworden. Das geistige Triumvirat aus Fritz Fischer, Hans-Ulrich Wehler und John Röhl beherrschte jede Debatte über das Deutsche Kaiserreich.

Besonders einflußreich war Wehler mit seinem 1973 erschienenen Buch „Das deutsche Kaiserreich 1871-1918“. Aufbauend auf den gut 10 Jahre zuvor veröffentlichten Thesen von Fritz Fischer vertrat Wehler hierin die These vom fatalen „Deutschen Sonderweg“. Es war dieses Buch, das mit seiner starken Negativzeichnung die einseitige Sicht auf das Kaiserreich für die nächsten Jahrzehnte in der Bundesrepublik bestimmen sollte. Dieses Buch, das zum Standardlehrwerk an den Universitäten und dort ehrfurchtsvoll nur „Das blaue Buch“ genannt wurde, prägte das negative Bild unzähliger Historiker, Politiker, Journalisten und Lehrer vom Deutschen Kaiserreich.

Erst durch die drei vielbeachteten Werke des australischen Historikers Christopher Clark („Preußen“, „Wilhelm II.“, „Die Schlafwandler“) verlor Wehler seit einigen Jahren zunehmend an Einfluß und Deutungshoheit. Es ist daher verständlich, daß Wehler letzten Dezember in der Frankfurter Rundschau in seinem letzten großen Interview zum Thema „Kaiserreich“ massive Kritik an Clark übte.

Wer das Interview heute nochmals liest, möge Wehler im Sinne des De mortuis nihil nisi bene vielleicht gnädiger gestimmt sein, wird aber dennoch verwundert feststellen, wie starr Wehler in seiner Sicht verhaftet war und daß bei ihm eine ausgewogene, gesamteuropäische Betrachtung – anders als bei Clark – völlig fehlte. Die Kriegsparteien z.B. auf russischer oder englischer Seite fanden bei Wehler überhaupt keine Beachtung; ähnlich wie bei Fritz Fischer war auch bei Wehler weiterhin Deutschland/Österreich quasi alleiniger Handlungsträger auf dem Weg in den Krieg.

Lesen Sie das letzte große Interview mit Hans-Ulrich Wehler zum Kaiserreich unter:
www.fr-online.de/der-erste-weltkrieg/interview-mit-hans-ulrich-wehler-der-krieg-war-im-oktober-1914-verloren,1477454,25653878.html

100 Jahre nach dem Attentat von Sarajevo – zum aktuellen Stand der Kriegsschulddebatte

Genau heute vor 100 Jahren fand das Attentat von Sarajevo statt
der Auslöser des Ersten Weltkrieges!

Aus diesem Anlaß stellt Dr. Erik Lehnert in einem Artikel für unsere Website wilhelm-der-zweite.de die wichtigsten Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg vor. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage, welche Position die einzelnen Werke im Kontext der aktuellen Kriegsschulddebatte einnehmen.

Lesen Sie den Artikel „100 Jahre nach dem Attentat von Sarajevo – zum aktuellen Stand der Kriegsschulddebatte“ von Erik Lehnert unter:
www.wilhelm-der-zweite.de/essays/kriegsschulddebatte.php

Audio: Christopher Clark im Gespräch

Christopher Clark. Quelle: Bayerischer Rundfunk

Christopher Clark war gestern in der Gesprächssendung „Eins zu Eins. Der Talk“ des Bayerischen Rundfunks zu Gast.

In der 55minütigen, äußerst hörenswerten Sendung nahm Clark zu vielen Themenkomplexen Stellung. Besonders interessant: Clarks Enttäuschung über die „brachiale“ Kritik zahlreicher Historikerkollegen an seinem Bestseller „Die Schlafwandler“. Namentlich erwähnt er John Röhl, der als einziger die Fritz-Fischer-These noch vollständig vertrete. Und Clarks Charakterisierung von Wilhelm II. als „facettenreiche Person“, die eben in entscheidenden Momenten bremsend auf dem Weg zum Krieg wirkte. Besondere Erwähnung findet die Reaktion Wilhelms II. auf die serbische Antwort auf das österreichische Ultimatum (Durch sie entfällt jeder Grund zum Kriege). Wilhelm II. ist außerdem im Originalton zu hören mit seiner Ansprache zum Kriegsbeginn.

Sie können das ganze Gespräch mit Christopher Clark hier nachhören:
www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/sendung815216.html

Christopher Clark verteidigt sich gegen die Kritik deutscher Historiker

clarkChristopher Clarks Monumentalwerk Die Schlafwandler ist zweifellos die wirkmächtigste der zahllosen  Neuerscheinungen zum 1. Weltkrieg. Kein anderes Buch zum Thema hat eine solche Aufmerksamkeit erregt, über keines wurde mehr diskutiert. Inzwischen ist die 15. Auflage gedruckt, und bereits Anfang Mai waren in Deutschland 200.000 Exemplare des Buches verkauft.

Vor gut 50 Jahren hatte Fritz Fischer mit seiner These vom „Deutschen Sonderweg“ und der Behauptung der deutschen Hauptschuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges die quasioffizielle Leseart vorgegeben, der seitdem fast alle deutschen Historiker von Rang und Namen unwidersprochen folgten – bis eben Clark seine „Schlafwandler“ vorlegte.

Es ist naheliegend, daß Clarks Werk und Wirkungsmacht für die etablierten Historiker eine gewaltige Provokation darstellten muß – schließlich wurde die bisher gültige Sichtweise, wie sie von den Historikern seit Jahrzehnten gleichsam ex cathedra gelehrt und stur verteidigt wurde, durch Clarks Forschungen widerlegt oder zumindest stark relativiert.

Die Historiker waren also herausgefordert, gleichwohl konnten sie Clarks Argumentation im Kern nicht wirklich widerlegen, dafür war sie zu schlüssig. Folglich verlagerte sich ihre Kritik zunehmend auf einen Nebenschauplatz, der freilich Clarks Werk in der Substanz treffen sollte: der Kritik an Clarks Quellenarbeit. Prof. Gerd Krumeich  z.B. warf Clark vor, gerade die entscheidenden Dokumente, die Deutschland belasten würden, unterschlagen zu haben. Hans-Ulrich Wehler übte in der FAZ Quellenkritik an Clark und warf ihm Einseitigkeit vor.

Es ist in der Tat ein Kuriosum: Ausgerechnet Clark, der erstmals einen breiten Fokus hat und nicht nur Deutschland, sondern alle beteiligten Nationen im Blick behält, wird nun Einseitigkeit vorgeworfen! Gerade seine betont differenzierte Betrachtungsweise wird als zu einseitig gebrandmarkt – ein im Grunde lächerlicher, da widersprüchlicher Vorwurf, der nur offenbart, wie hilflos und dünnhäutig die angegriffenen Historiker reagieren. Entlarvend ist, daß diese letztendlich immer wieder auf Fritz Fischer verweisen und den Eindruck vermitteln, mit Fischer sei eben bereits alles zum Thema gesagt (siehe dazu auch Prof. John Röhls Artikel in der Süddeutschen Zeitung).

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (15.06.2014, S. 4) nahm Clark nun ausführlich Stellung zur jüngsten Quellenkritik. Er betonte, sich seit langem intensivst mit Fritz Fischer auseinandergesetzt zu haben. Fischer sei auch durchaus zuzustimmen  in der Beschreibung der Kriegsvorbereitung eines Teils der deutschen Elite. Aber man könne diese Kriegspläne einer Teilelite eben nicht auf den ganzen Staat beziehen, wie es Fischer und die meisten Historiker nach ihm getan haben.  Zudem müßten auch die Motive und das Verhalten der anderen beteiligten Nationen berücksichtigt werden, sonst würden „die Zeitläufte der Weltgeschichte allein in Berlin bestimmt. Solche Ansichten teile ich nicht“.

Warum Clarks Werk eine derartige Provokation für die hiesige etablierte Historikerzunft darstellt, dafür liefert Clark im Interview selbst die Erklärung: „Es ist auch nicht überraschend, dass einige Historiker wütend werden. Sie haben ihr gesamtes Leben in eine bestimmte Interpretation investiert, und dann kommt jemand und stellt alles in Frage.“  Und: Für die Deutschen gehört die Behauptung einer deutschen Allein- beziehungsweise Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zumindest in linksliberalen Kreisen seit Dekaden zur Grundausstattung ihres Geschichtsbewusstseins.“

Lesen Sie das ganze Interview mit Christopher Clark unter: www.faz.net/aktuell/politik/christopher-clark-im-gespraech-woher-wissen-sie-was-die-oesterreicher-traeumten-12990727-p2.html?printPagedArticle=true

Erneuter Nackenschlag für Propagandisten deutscher Alleinverantwortung am 1. Weltkrieg – diesmal aus England

Die britischen Autoren Gerry Docherty und Jim Mac Gregor haben soeben ein Buch vorgelegt, das hoffentlich auch bald  in deutscher Sprache erscheinen wird:
Hidden History. The Secret Origins of the First world War“, Edinburgh 2013

Die beiden Verfasser sehen die Hauptverantwortung am Ausbruch des 1. Weltkrieges in einem Kreis mächtiger, hinter den Kulissen tätiger  Politiker, die den Einfluß Großbritanniens und der USA mit allen Mitteln verteidigen wollten. Prominentes  Mitglied dieses Zirkels war u.a. Sir Edward Grey, Außenminister Großbritanniens seit 1905.

Prof. em. Hans Fenske hat in einem Beitrag für die „Junge Freiheit“ (Ausgabe 13/14 vom 21.3.) die brisante Neuerscheinung rezensiert:
„Der Wert der sehr aufschlußreichen Studie von Docherty und Mac Gregor liegt in dem Nachweis, daß der Anteil Großbritanniens am Ausbruch des Ersten Weltkriegs sehr viel größer war, als allgemein angenommen wird.“

www.waterstones.com/waterstonesweb/products/gerry+docherty/james+macgregor/hidden+history/9458072/

Gestern in der Süddeutschen Zeitung: John Röhl schlägt zurück und verrennt sich noch weiter

John RöhlJohn Röhl, der inzwischen 77jährige deutsch-britische emeritierte Professor, gilt seit Jahrzehnten als wissenschaftlicher Hauptgegner Kaiser Wilhelms II. Vor allem im letzten, 2008 erschienenen Band seiner Wilhelm II.-Biographie, weist er Wilhelm II. die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu. Mehr noch, er bezeichnet Wilhelm II. als Kriegstreiber, der den Weltkrieg bewußt herbeigeführt habe, um die deutschen Weltmachtansprüche zu verwirklichen.

Diese Sichtweise Röhls war jahrelang Allgemeingut, geriet aber gerade in den letzten Monaten in die Kritik, nachdem Prof. Christopher Clark (Cambridge) in seinem 900-Seiten-Werk „Die Schlafwandler“ die Schuld aller beteiligten Regierungen am Kriegsausbruch eindrucksvoll nachwies. (Ähnliche Thesen wie Clark hatte schon 1999 Röhls Landsmann Prof. Niall Ferguson vertreten, damals noch weitgehend ungehört.)

Kurzum: Röhl war zuletzt erheblich in die Defensive geraten. Lange war von ihm nichts zu hören, doch in der gestrigen Süddeutschen Zeitung nimmt er in einem Gastbeitrag zur aktuellen Diskussion der Kriegsschuldfrage nun ausführlich Stellung.

Röhl: Fritz Fischer statt Christopher Clark

Zunächst findet Röhl „nicht unbedenklich“, daß durch das Erscheinen von Clarks „Schlafwandler“ die Meinung in Deutschland umgeschwenkt sei und daß inzwischen laut Umfrage 58 % aller Deutschen eine gemeinsame Kriegsschuld der kriegführenden Nationen annehmen würden. Dabei habe doch schon vor Jahrzehnten Fritz Fischer die Kriegsziele und Kriegsvorbereitungen der deutschen Seite zweifelsfrei nachgewiesen.

Es ist bezeichnend, daß Röhl auf die von Clark präsentierten Fakten – den neusten Forschungsstand – überhaupt nicht eingeht, sondern daß für ihn weiterhin die jahrzehntealten Extremthesen Fritz Fischers die Grundlage bilden, die durch Clarks Forschungen eben stark relativiert worden sind. Röhl setzt sich in seinem Gastbeitrag mit Clarks Thesen überhaupt nicht auseinander, wie man es von einem Historiker gewiß erwartet hätte; auf den Inhalt von Clarks Werk geht er nicht näher ein (z.B. auf die von Clark herausgearbeitete maßgebliche Rolle Serbiens), bedauert jedoch dessen positive Rezeption in der deutschen Öffentlichkeit – eine für einen seriösen Historiker, der allein an Fakten interessiert sein muß, seltsam anmutende Verhaltensweise.
Während Clark alle kriegsbeteiligten Nationen im breiten Blickfeld hat, ignoriert Röhl dies vollständig und argumentiert weiter aus seinem allein auf Deutschland verengten Tunnelblick heraus. Weder die russische, noch die französische oder serbische Seite und deren Motive werden von ihm behandelt. So wird aus der Julikrise, laut Clark der komplexeste Vorgang der jüngsten Geschichte, eine eindimensionale, quasi zwangsläufige und strikt lineare Entwicklung, die offenbar allein von Deutschland bestimmt wurde, bei der Wilhelm II. die fatale Hauptrolle spielte und bei der auf deutscher Seite alles nur um die Frage zu kreisen schien: Wann endlich können wir losschlagen? Ist jetzt endlich die Gelegenheit zum Krieg da, auf die wir so lange gewartet haben, auf die wir so lange hingearbeitet haben?

Wilhelm II. wollte den Krieg verhindern

Gewiß gab es auf deutscher Seite, vor allem beim Militär (z.B. Falkenhayn, Moltke, Graf Waldersee), Falken, die zum Angriff rieten, da ihnen ein baldiger Krieg ohnehin unausweichlich schien und sie den strategischen Vorteil nutzen wollten. Doch Falken gab es bei allen damals beteiligten Nationen (was Röhl vollkommen ignoriert), besonders auf russischer Seite (zudem ist dies kein zeitspezifisches Phänomen, sondern typisch für militärische Führer insgesamt – man denke nur an die Kubakrise 1962). Röhl reiht in seinem Artikel jedoch derart geschickt die kriegsbejahenden Zitate der deutschen militärischen Führung aneinander, daß der Eindruck einer scheinbar unaufhaltbaren chronologischen Entwicklung entsteht, die zum Krieg führen muß. Einem Krieg, den die gesamte deutsche Führung offenbar gezielt wollte und suchte.

Tatsächlich aber gab es zwischen der politischen und militärischen Führung erhebliche Differenzen, was Röhl vollkommen verschweigt. Wilhelm II. schrieb 1922 rückblickend in seiner Autobiographie „Ereignisse und Gestalten“:

„In Potsdam eingetroffen [von der Nordlandreise zurückgekehrt], fand ich [Wilhelm II.] den Kanzler und das Auswärtige Amt im Konflikt mit dem Chef des Generalstabes, weil General v. Moltke die Ansicht vertrat, der Krieg werde unbedingt ausbrechen, während die beiden ersteren fest auf ihrer Auffassung bestanden, es werde nicht dazu kommen, der Krieg würde sich vermeiden lassen.“

In Röhls Artikel wird Wilhelm II. als Kriegstreiber charakterisiert, der es offenbar gar nicht erwarten konnte, loszuschlagen und der voll auf Seiten der Militärs stand. Wie erklärt sich dann das Telegramm Wilhelms II. an den russischen Zaren, in dem Wilhelm II. seinen russischen Cousin verzweifelt bittet, von der Mobilmachung abzusehen? Wie erklärt sich das Schreiben Wilhelms II. an das Auswärtige Amt vom 28. Juli 1914 nach Eingang der serbischen Antwort auf das österreichische Ultimatum:

„Durch sie entfällt jeder Grund zum Kriege. […] Auf dieser Basis bin ich bereit, den Frieden in Österreich zu vermitteln“

Diese beiden zentralen, bekannten Schriftstücke, die beweisen, daß Wilhelm II. den Frieden bewahren wollte, werden von Röhl in seinem Artikel unterschlagen – sie würden ja auch die Stigmatisierung von Wilhelm II. als Kriegstreiber eindeutig widerlegen.

Wieder einmal zeigt sich, daß der zu Recht vielgerühmte Faktenreichtum bei Röhl nur die eine Seite der Medaille ist. Bedenklicher ist Röhls tendenziöse Faktenselektion, wo er einfach unliebsame Tatsachen unter den Tisch fallen läßt, die seinen einseitigen Thesen widersprechen.

Fazit
Wer erwartet hatte, John Röhl würde in seinem SZ-Gastbeitrag eine wissenschaftliche Replik auf die neuen Forschungsergebnisse von Prof. Clark (und anderen) liefern, sieht sich enttäuscht. Röhl geht nicht nur auf Clarks Werk inhaltlich gar nicht ein, sondern verweist auf eine – inzwischen nicht mehr hinreichende – einseitige Faktenlage, die jedoch seit Jahrzehnten verbindlich sei.
Für ihn steht weiterhin allein Deutschland im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Betrachtungsweise ist nicht differenziert wie bei Clark, sondern eindimensional.
Er hat sich sprichwörtlich verrannt in seiner Sicht der Dinge.

Röhl bemerkt offenbar nicht, daß sich durch Clarks Werk die Bewertung der historischen Tatsachen tatsächlich nachhaltig verschoben hat. In der Tat sind inzwischen Clarks Interpretationen weitestgehend Konsens unter den Historikern, und Röhls Nimbus als unumstrittene Autorität bezüglich Wilhelm II. und Erstem Weltkrieg ist erheblich in Frage gestellt. Die alleinige Deutungshoheit, die Röhl jahrzehntelang zweifellos besaß, existiert nicht mehr.

* * *

„Deutschland trug zwar zur Entstehung des Krieges bei und trägt folglich eine Mitschuld, aber mehr nicht. Es gab keine deutsche Verschwörung zum Krieg. Deutschland wollte Großmacht sein, deshalb verhielt es sich wie eine Großmacht. Die deutsche Politik blieb völlig im Rahmen der Zeit.”
— Prof. Christopher Clark in einem Interview mit der Zeitung „Junge Freiheit“, Januar 2014


Den vollständigen SZ-Gastbeitrag von John Röhl finden Sie unter:
www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkriegs-wie-deutschland-den-krieg-plante-1.1903963

Drei junge deutsche Historiker in der WELT: „Warum Deutschland nicht allein schuld ist“

Die drei jungen deutschen Historiker Dominik Geppert, Sönke Neitzel und Thomas Weber weisen in einem bemerkenswerten Kommentar in der WELT auf die nunmehr veränderte Sicht auf den Ersten Weltkrieg hin, denn „längst hat sich in der Geschichtswissenschaft ein Paradigmenwechsel vollzogen.“

Und wir finden in dem Kommentar durchaus provokative Aussagen, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wären:

„Fritz Fischers These vom zielstrebigen deutschen Griff nach der Weltmacht hat sich als überspitzt und einseitig erwiesen. Von einem ‚deutschen Sonderweg‘ kann heute ebenso wenig mehr die Rede sein wie vom ‚preußischen Militarismus‘ als Ursache allen Übels.“

„Erst der britische Kriegseintritt machte aus dem [auf den Balkan begrenzten] Ursprungskonflikt ein globales Desaster. […] Die Verletzung der Souveränität Belgiens war nicht der Grund, sondern der willkommene Vorwand für das britische Eingreifen.“

„Die neuen historischen Erkenntnisse gefallen einigen nicht, weil sie im Widerspruch zu lieb gewonnenen Selbst- und Feindbildern stehen.“

Die Autoren weisen sogar die These zurück, die Lehre aus dem Ersten Weltkrieg müsse der Verzicht auf den Nationalstaat und folglich das vollständige Aufgehen in einem europäischen Bundesstaat sein:

„Die Idee, dass wir mit ‚Europa‘ den Nationalismus bekämpfen müssten, der angeblich die Triebfeder des Dreißigjährigen Krieges des 20. Jahrhunderts gewesen sei, hat den Nationalstaat zu Unrecht diskreditiert.“

Lesen Sie den ganzen WELT-Artikel unter:
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article123516387/Warum-Deutschland-nicht-allein-schuld-ist.html

Dank Fenske/Clark ist umfassende Revision des Geschichtsbildes zwingend

Sebastian Pella schreibt in einem Beitrag für das Netztagebuch der „Sezession“ seine Bewertung der Werke von Christopher Clark und Hans Fenske nieder:
www.sezession.de/41639/der-anfang-vom-ende-des-alten-europa-hans-fenske-christopher-clark-und-der-erste-weltkrieg.html

„Besessen von der deutschen Kriegsschuld“

Eigentlich müßte man sich an den Kopf fassen: Der australische Historiker Christopher Clark verteidigt bei einer Diskussion in Potsdam das Deutsche Kaiserreich gegen gleich fünf deutsche linientreue Historiker, die Deutschland weiterhin als Hauptschuldigen am Ausbruch des 1. Weltkrieges betrachten und verzweifelt, aber letztlich doch erfolglos, Clark Paroli zu bieten versuchen. Clark hält nicht nur ihnen, sondern allen im Mainstream schwimmenden Deutschen den Spiegel vor: „Nur in Deutschland wird mir vorgeworfen, ich wäre zu deutschfreundlich“.

Lesen Sie den ganzen Bericht bei WELT Online:
www.welt.de/geschichte/article121231599/Besessen-von-der-deutschen-Kriegsschuld.html