Heute vor 100 Jahren: Aufruf deutscher Intellektueller

Genau heute vor 100 Jahren, am 4. Oktober 1914, veröffentlichten 93 renommierte deutsche Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller ihren gemeinsamen „Aufruf an die Kulturwelt“.
Der Aufruf, an dem sich so bekannte Persönlichkeiten wie Max Planck, Max Reinhardt, Max Liebermann und die Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, Rudolf EuckenConrad Röntgen, Emil von Behring, Emil Fischer, Wilhelm Wien und Paul Ehrlich beteiligten, ging als „Manifest der 93“ in die Geschichte ein. Mehrere der Unterzeichner waren Juden.
Die Intellektuellen wandten sich in ihrem Aufruf gegen die zunehmend aggressive alliierte Kriegspropaganda, die die Deutschen als „Hunnen“ und „Kulturverächter“ stilisierte.

Der Wortlaut des Manifests:

An die Kulturwelt! Ein Aufruf.

Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten. Der eherne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter deutscher Niederlagen widerlegt. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein.

Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn gewollt noch die Regierung noch der Kaiser. Von deutscher Seite ist das Äußerste geschehen, ihn abzuwenden. Dafür liegen der Welt die urkundlichen Beweise vor. Oft genug hat Wilhelm II. in den 26 Jahren seiner Regierung sich als Schirmherr des Weltfriedens erwiesen; oft genug haben selbst unsere Gegner dies anerkannt. Ja, dieser nämliche Kaiser, den sie jetzt einen Attila zu nennen wagen, ist jahrzehntelang wegen seiner unerschütterlichen Friedensliebe von ihnen verspottet worden. Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann.

Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben. Nachweislich waren Frankreich und England zu ihrer Verletzung entschlossen [siehe dazu z.B. Christopher Clarks „Schlafwandler“]. Nachweislich war Belgien damit einverstanden. Selbstvernichtung wäre es gewesen, ihnen nicht zuvorzukommen.

Es ist nicht wahr, daß eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne daß die bitterste Notwehr es gebot. Denn wieder und immer wieder, allen Mahnungen zum Trotz, hat die Bevölkerung sie aus dem Hinterhalt beschossen, Verwundete verstümmelt, Ärzte bei der Ausübung ihres Samariterwerkes ermordet. Man kann nicht niederträchtiger fälschen, als wenn man die Verbrechen dieser Meuchelmörder verschweigt, um die gerechte Strafe, die sie erlitten haben, den Deutschen zum Verbrechen zu machen.

Es ist nicht wahr, daß unsere Truppen brutal gegen [die belgische Stadt] Löwen gewütet haben. An einer rasenden Einwohnerschaft, die sie im Quartier heimtückisch überfiel, haben sie durch Beschießung eines Teils der Stadt schweren Herzens Vergeltung üben müssen. Der größte Teil von Löwen ist erhalten geblieben. Das berühmte Rathaus steht gänzlich unversehrt. Mit Selbstaufopferung haben unsere Soldaten es vor den Flammen bewahrt. – Sollten in diesem furchtbaren Kriege Kunstwerke zerstört worden sein oder noch zerstört werden, so würde jeder Deutsche es beklagen. Aber so wenig wir uns in der Liebe zur Kunst von irgend jemand übertreffen lassen, so entschieden lehnen wir es ab, die Erhaltung eines Kunstwerks mit einer deutschen Niederlage zu erkaufen.

Es ist nicht wahr, daß unsere Kriegführung die Gesetze des Völkerrechts mißachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerreißen Dumdumgeschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen [ein heute sicher verstörendes Argument, das aber im Kontext der damaligen Kolonialzeit gesehen werden muß; alle Kolonialherrscher, also auch England oder Frankreich, sahen sich als die wahren, fortgeschrittenen Träger der Zivilisation; es war gemeinhin üblich, diese Länder unter dem Begriff „Weiße Rasse“ zusammenzufassen. Der Vorwurf der Intellektuellen nach damaliger Leseart soll bedeuten, daß sich die Ententemächte nicht scheuten, den Krieg nicht auf Europa zu begrenzen, sondern sogar Kämpfer aus ihren Kolonien gegen den „Kulturstandort“ Europa einzusetzen; Kämpfer mit anderem kulturellen Hintergrund, die sich womöglich an die Haager Landkriegsordnung – im damaligen Bewußtsein eine Errungenschaft der europäischen Zivilisation – nicht gebunden fühlten.].

Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.

Wir können die vergifteten Waffen der Lüge unseren Feinden nicht entwinden. Wir können nur in alle Welt hinausrufen, daß sie falsches Zeugnis ablegen wider uns. Euch, die Ihr uns kennt, die Ihr bisher gemeinsam mit uns den höchsten Besitz der Menschheit gehütet habt, Euch rufen wir zu:
Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.
Dafür stehen wir Euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre!“

Historiker Stefan Scheil zu alliierten Kriegsvorbereitungen am 24. Juli 1914

Der Historiker Dr. Stefan Scheil hat kürzlich in einem Beitrag für die Zeitschrift sezession die Geschehnisse auf alliierter Seite am 24. Juli 1914 dokumentiert. Was sich an diesem einzigen, exemplarisch ausgewählten Tag alles zutrug, ist höchst entlarvend und legt den Schluß nahe, daß die Entente schon zu diesem Zeitpunkt gezielt auf einen Krieg zusteuerte  während sich der deutsche Kaiser noch im Urlaub auf Nordlandreise befand.

In Kürze wird Scheil ein Buch mit dem Titel Mitten im Frieden überfällt uns der Feind veröffentlichen (Landtverlag, 240 S.), das auf Basis zahlreicher Quellen die alliierten Kriegsvorbereitungen eingehend beleuchten wird.

Lesen Sie den sezession-Artikel von Stefan Scheil zum 24. Juli 1914 unter:
www.sezession.de/46144/ein-tag-im-20-jahrhundert-der-24-juli-1914.html

„Ring of Steel: Germany and Austria-Hungary at War, 1914-1918“

Der in London lehrende britische Historiker Alexander Watson hat die zahllosen Veröffentlichungen im Jubiläumsjahr 2014 zum Ersten Weltkrieg um einen weiteren Band ergänzt: Watson befaßt sich in „Ring of Steel: Germany and Austria-Hungary at War, 1914-1918“ mit dem Krieg aus der Perspektive der Mittelmächte.

Er legt dar, wie der Erste Weltkrieg vor allem das Schicksal Osteuropas langfristig in radikalster Reise beeinflußte, analysiert das Verhalten der deutschen und österreichischen Zivil- und Kriegsverwaltung und kommt  ähnlich wie Jörg Friedrich – zu dem Schluß, daß Deutschland und seine Verbündeten nach dem Frieden von Brest-Litowsk die Chance auf den Sieg vergaben.

In einer Rezension der Financial Times vom 9./10. August hat William Mulligan (University College Dublin) einige wesentlichen Aussagen des Buches kommentiert:

„Watson’s most controversial arguments focus on the radicalisation the systematic use of violence against civilians in the war economy. Historians have long identified the German military as occupying a central role in this story […] But Watson adds important twists, viewing German conduct and aims as no more radical than those of its ally or enemies. Indeed he claims that the Allied side was primarily responsible for radicalising the war. Britain plays a central role in his argument, as its entry transformed the conflict into an attritional one between economies and societies. Britain’s blockade, the epitome of economic warfare and at the very last dubious under international law, entailed the targeting of civilians and provoked German unrestricted submarine warfare.“
Financial Times, London, Books“, S. 10 vom 9./10.8.2014

Das Buch liegt (noch) nicht in deutscher Übersetzung vor, kann aber als englisches Original bestellt werden: Weiterleitung zu Amazon

IfS-Studie: Deutsche Kriegsschuld 1914? Revision einer hundertjährigen Debatte

Das Institut für Staatspolitik (IfS) hat anläßlich der aktuellen Debatte in den Medien um die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine neue Studie veröffentlicht. Auf 50 Seiten wird das Thema „Kriegsschuld“  und die Entwicklung dieser 100jährigen Debatte kompakt nachgezeichnet und erläutert. Die Studie – an der auch wilhelm-der-zweite.de-Autor Dr. Erik Lehnert mitwirkte – ist sehr empfehlenswert vor allem für diejenigen, die sich zwar ernsthaft mit dem Thema beschäftigen wollen, aber nicht die Zeit oder Energie haben, sich mit den 1000-Seiten-Wälzern von Jörg Friedrich oder Christopher Clark auseinanderzusetzen.

Die Studie kostet 5 € und kann hier bestellt werden:
http://antaios.de/buecherschraenke/erster-weltkrieg/2427/deutsche-kriegsschuld-1914

Sensationeller Nachlaßfund belegt: König George V. wollte Kriegseintritt Großbritanniens um jeden Preis

Die englische Zeitung Daily Telegraph veröffentlichte vor wenigen Tagen auf ihrer Website ein aufsehenerregendes Dokument; es belegt, daß die Verletzung der belgischen Neutralität durch deutsche Truppen für Großbritannien nur der willkommene Anlaß war, um in den Krieg einzutreten.

Brisantes Gesprächsprotokoll

Bei dem Dokument handelt es sich um ein Gedächtnisprotokoll aus dem Jahre 1933, das jüngst im Nachlaß von Sir Cecil Graves, einem Neffen des britischen Außenministers Sir Edward Grey, entdeckt wurde. Darin hatte Cecil Graves den Inhalt eines Gespräches festgehalten, das er mit dem englischen König George V. anläßlich des Todes seines Onkels Edward Grey 1933 führte.

edward_greyDer brisante Inhalt des Protokolls:
Der englische König berichtete dem Neffen Greys von der entscheidenden, 90minütigen  Unterredung mit Grey am 2. August 1914, zwei Tage vor dem britischen Kriegseintritt.
Demnach äußerte Grey, daß das englische Kabinett erst noch eine plausible Begründung für den Kriegseintritt finden müsse.
Der englische König bedrängte Grey daraufhin mit den Worten: „Sie müssen einen Grund finden, Grey.“
Denn sollte Deutschland Frankreich besiegen, würde Großbritannien in Zukunft „vollständig“ durch Deutschland „dominiert“. Daher sei ein „sofortiger“ Kriegseintritt („at once“) geboten.

Der König berichtete weiter, daß er am nächsten Tag, am 3. August 1914, einen privaten Brief des französischen Präsidenten Poincaré erhalten habe, der vehement um einen britischen Kriegseintritt bat. Fast zeitgleich sei ein Telegramm des belgischen Königs Albert eingegangen mit dem Hinweis auf die Neutralitätsverletzung durch Deutschland. Erleichtert habe König George V. sofort Grey mitgeteilt, daß er nicht länger nach einer Begründung für den Kriegseintritt suchen müsse.

Das eigentliche Motiv für den britischen Kriegseintritt

Dieser hochbristante Nachlaßfund, den noch kein Historiker bislang  berücksichtigen konnte, belegt zweifellos, daß es Großbritannien nicht primär darum ging, Belgien zu Hilfe zu eilen oder seinen Entente-Partnern beizustehen. Die Neutralitätsverletzung Belgiens war vielmehr der langgesuchte und hochwillkommene Anlaß, der den wirklichen Grund für den britischen Kriegseintritt verhehlen sollte: die Furcht vor dem Verlust der Vorherrschaft des britischen Empire durch Deutschland.

Erst durch den britischen Kriegseintritt wurde der zunächst noch begrenzte Konflikt zum Weltkrieg.
Letztlich bewirkte der britische Kriegseintritt jedoch genau das, was er verhindern sollte:
den Niedergang des Empire.

Lesen Sie den hochinteressanten Artikel auf der Website des Telegraph unter:
www.telegraph.co.uk/history/world-war-one/10991582/Revealed-how-King-George-V-demanded-Britain-enter-the-First-World-War.html

„Vergleichende Geschichtstabellen“ (1921) von Wilhelm II. dokumentieren Zuspitzung der Julikrise vor genau 100 Jahren

Heute vor 100 Jahren trat Kaiser Wilhelm II. die vorzeitige Rückreise von seiner Nordlandreise an, die er am 6. Juli begonnen hatte, denn eine Zuspitzung der Julikrise zeichnete sich ab.
Man erwartete die serbische Antwort auf das Ultimatum, das Österreich am 23. Juli – also erst 2 Tage zuvor und 17 Tage nach der Abreise des Deutschen Kaisers in den Urlaub nach Norwegen – an Serbien gerichtet hatte.
Vom genauen Inhalt des Ultimatums hatte Wilhelm II. erst aus der norwegischen Presse erfahren – nicht aus Berlin!
Wollte man den Kaiser bewußt im Unklaren lassen, da man seine bremsenden Interventionen (er wurde von Falken als „Zauderer“ verlacht) fürchtete?
Jedenfalls setzte sich der Kaiser sofort nach seiner Rückkehr in Potsdam am 27. Juli per Telegramm mit dem russischen Zaren und englischen König in Verbindung, um eine Eskalation der Lage zu verhindern und die unheilvolle Entwicklung zu stoppen – letztlich freilich erfolglos.

Im Jahre 1921 veröffentliche Wilhelm II. aus dem holländischen Exil seine „Vergleichenden Geschichtstabellen“, in denen er Schlüsselereignisse von 1878 bis zum Kriegsausbruch 1914 chronologisch und nach Nationen gegliedert auflistete. Die Entwicklung der Julikrise hatte Wilhelm II. darin minutiös rekonstruiert, bei vielen Ereignissen war sogar die Uhrzeit angegeben. Sie zeigen die mehrfachen, verzweifelten Initiativen des Kaisers, den Frieden zu retten, die freilich untergraben wurden und erfolglos blieben – auch durch den gezielten Druck, den die französische Regierung unter Präsident Poincaré auf Rußland ausübte (während sich der Deutsche Kaiser isoliert im Urlaub befand, weilte Poincaré vom 19.-23. Juli am Zarenhof und versicherte der russischen Regierung bedingungslose Unterstützung im Kriegsfall – quasi ein Blankoscheck Frankreichs, wie er später vor allem Deutschland gegenüber Österreich vorgeworfen wurde).

Sie können die nachträgliche kaiserliche Dokumentation der Ereignisse dieser entscheidenden Tage vor genau 100 Jahren hier nachlesen (klicken Sie unten auf den Link „Vergleichende Geschichtstabellen“ für eine vergrößerte Darstellung):

„Ausbruch des 1. Weltkriegs: Wieviel Schuld hatte der deutsche Kaiser?“

Die Zeitung Hessische/Niedersächsische Allgemeine fragt, wieviel Schuld Kaiser Wilhelm II. am Ausbruch des 1. Weltkrieges hatte. Sie stellt der Extremthese John Röhls, der von einer Maximalschuld ausging, u.a. die zwei Friedensinitiativen des Kaisers entgegen und bringt entlastende Zitate der Historiker Wolfgang Mommsen und Christopher Clark.

Lesen Sie den ganzen Artikel unter:
www.hna.de/nachrichten/politik/ausbruch-weltkriegs-wieviel-schuld-hatte-deutsche-kaiser-3696982.html

Hans-Ulrich Wehler †

Hans-Ulrich Wehler, der vielleicht einflußreichste Historiker der letzten Jahrzehnte in der Bundesrepublik, ist am Samstag im Alter von 82 Jahren verstorben. Wehler galt als Gallionsfigur einer neuen Art von Geschichtsschreibung (nach seinem Wirkungsort „Bielefelder Schule“ benannt), die nicht mehr die „großen entscheidenden Personen“ (wie z.B. Alexander den Großen, Napoleon oder Hitler) ins Zentrum der Geschichte stellte, sondern vermehrt sozialpolitische Strömungen und gesellschaftliche Prozesse als Handlungsträger ausmachte. Vertreter der Alten Schule (z.B. Golo Mann oder Joachim Fest) wurden von Wehler massiv kritisiert oder – z.B. im Rahmen des Historikerstreits 1986/87 – auch persönlich angegriffen. Wehler führte hier einen Feldzug, in dem er letztlich erfolgreich war – seine Sicht war in den 70er bis 90er Jahren die quasi-offiziöse Denkweise in der bundesrepublikanischen Elite und Presselandschaft geworden. Das geistige Triumvirat aus Fritz Fischer, Hans-Ulrich Wehler und John Röhl beherrschte jede Debatte über das Deutsche Kaiserreich.

Besonders einflußreich war Wehler mit seinem 1973 erschienenen Buch „Das deutsche Kaiserreich 1871-1918“. Aufbauend auf den gut 10 Jahre zuvor veröffentlichten Thesen von Fritz Fischer vertrat Wehler hierin die These vom fatalen „Deutschen Sonderweg“. Es war dieses Buch, das mit seiner starken Negativzeichnung die einseitige Sicht auf das Kaiserreich für die nächsten Jahrzehnte in der Bundesrepublik bestimmen sollte. Dieses Buch, das zum Standardlehrwerk an den Universitäten und dort ehrfurchtsvoll nur „Das blaue Buch“ genannt wurde, prägte das negative Bild unzähliger Historiker, Politiker, Journalisten und Lehrer vom Deutschen Kaiserreich.

Erst durch die drei vielbeachteten Werke des australischen Historikers Christopher Clark („Preußen“, „Wilhelm II.“, „Die Schlafwandler“) verlor Wehler seit einigen Jahren zunehmend an Einfluß und Deutungshoheit. Es ist daher verständlich, daß Wehler letzten Dezember in der Frankfurter Rundschau in seinem letzten großen Interview zum Thema „Kaiserreich“ massive Kritik an Clark übte.

Wer das Interview heute nochmals liest, möge Wehler im Sinne des De mortuis nihil nisi bene vielleicht gnädiger gestimmt sein, wird aber dennoch verwundert feststellen, wie starr Wehler in seiner Sicht verhaftet war und daß bei ihm eine ausgewogene, gesamteuropäische Betrachtung – anders als bei Clark – völlig fehlte. Die Kriegsparteien z.B. auf russischer oder englischer Seite fanden bei Wehler überhaupt keine Beachtung; ähnlich wie bei Fritz Fischer war auch bei Wehler weiterhin Deutschland/Österreich quasi alleiniger Handlungsträger auf dem Weg in den Krieg.

Lesen Sie das letzte große Interview mit Hans-Ulrich Wehler zum Kaiserreich unter:
www.fr-online.de/der-erste-weltkrieg/interview-mit-hans-ulrich-wehler-der-krieg-war-im-oktober-1914-verloren,1477454,25653878.html

Zitat aus „Die Schuld lag nicht bei Deutschland“

Philippe Simonnot schreibt auf Seite 66:

Der moralische Mythos der Schuld Deutschlands hatte keine andere Funktion, als die Reparationen zu rechtfertigen.
Dies sollte man niemals vergessen. Die Geschichte – man weiß das nur zu gut – wird von den Siegern geschrieben.
Aber in diesem Fall ist ihre Verfälschung zu einem Meisterwerk geraten.