War Wilhelm II. ein Fall für die Psychiatrie?

Noch zu Lebzeiten Wilhelms II. wurde in der deutschen Öffentlichkeit und Publizistik viel über den Geisteszustand Wilhelms II. diskutiert und spekuliert.

Der linksliberale Historiker Ludwig Quidde hatte bereits 1894 – Wilhelm II. war erst seit sechs Jahren Kaiser – eine Abhandlung über Caligulas Cäsarenwahnsinn veröffentlicht, die auf Wilhelm II. gemünzt war und von den Hunderttausenden von Lesern auch so verstanden wurde.

Besonders in den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges, als die Mehrheit der gedemütigten Deutschen die Schuld für den verlorenen Krieg einseitig beim nach Holland geflohenen Ex-Kaiser Wilhelm II. suchte, sorgten zahlreiche Veröffentlichungen in medizinischen Fachzeitschriften über die angebliche Geisteskrankheit Wilhelms II. für nachhaltige Rezeption und spiegelten die breite öffentliche Meinung in Deutschland wider.

Elemente dieser Diagnose wurden auch in zahlreichen Büchern aufgegriffen, z.B. in der wirkmächtigen kritischen Wilhelm-Biographie von Emil Ludwig, die 1925 in einer Millionenauflage erschien und das öffentliche Bild Wilhelms II. in der Weimarer Republik maßgeblich prägte.

Wirklich stichhaltige medizinische Beweise wurden freilich nie erbracht – aber bis heute lassen die typischen Charakterisierungen Wilhelms II. in Presse und TV-Dokumentationen zumindest die Möglichkeit offen, daß der letzte deutsche Kaiser Spuren von Wahnsinn zeigte.

Schon 1964 wurde dieser Pseudobefund in einer Besprechung der Neuauflage von Emil Ludwigs Biographie von Wilhelm Treue in der ZEIT zurückgewiesen:
„Daß man unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges alle Schuld, die es zu konstatieren gab, mit Vorliebe auf den fahnenflüchtigen Kaiser häufte, ist menschlich so verständlich wie der Versuch, das Phänomen ‚Nationalsozialismus‘ auf dem gleichen Wege durch die Verurteilung des gleichfalls fahnenflüchtigen ‚Führers‘ zu erledigen. Da solche Bemühungen sehr bald nicht mehr voll befriedigten, ging man beide Male dazu über, den Verurteilten durch Konstatierung von Geisteskrankheit zu ‚erklären‘. Aber Wilhelm II. zumindest dürfte trotz mehrerer Aufsätze von Psychiatern in medizinischen Fachzeitschriften während der Jahre 1919/20 kaum bemerkenswert kranker oder unnormaler gewesen sein als viele Normale in seiner Zeit – auch außerhalb Deutschlands.“ (DIE ZEIT, 16.10.1964)

Der bekannteste Wilhelm II.-Kritiker und Historiker John Röhl veröffentlichte 1989 einen aus heutiger Perspektive fragwürdigen Vortrag mit dem Titel „Kaiser Wilhelm II. Eine Studie über Cäsarenwahnsinn“ (in der Reihe Schriften des Historischen Kollegs im Auftrag der Stiftung Historisches Kolleg im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft). Darin zieht Röhl eine unseriöse Linie von einer kritischen Beurteilung des damals 14-jährigen, pubertierenden Wilhelm durch seinen Erzieher Hinzpeter zur Cäsarenwahnsinn-Analogie von Ludwig Quidde: „Der abnorme Geisteszustand [Wilhelms II.], der von so vielen Zeitgenossen wahrgenommen wurde, ist also in seinen Grundzügen hier [bei Hinzpeter] bereits klar erkennbar. Wenn wir jetzt noch bedenken, welche Auswirkung auf einen solchen Menschen die enorme Machtfülle der Kaiserwürde, die Manipulationen der Bismarckfamilie und der preußischen Armee, der Byzantinismus der Höflinge und der unreflektierte Jubel der Massen haben mußten, so ist Ludwig Quiddes Bezeichnung ‚Cäsarenwahnsinn‘ gar nicht schlecht gewählt.“
Zuvor hatte Röhl zahlreiche vermeintliche Beispiele für die diversen Ausprägungen von Caligulas Cäsarenwahnsinn bei Wilhelm II. angeführt. „Diese Quellenaussagen – die sich alle leicht verzehnfachen ließen – bestätigen also in eindrucksvoller Weise die von Ludwig Quidde geschilderten Symptome des ‚Cäsarenwahnsinns‘, wie er den Seelenzustand Wilhelms II. nennt. Vielleicht fragen Sie sich jetzt aber, meine Damen und Herren, wieso denn andere Zeitgenossen nicht ebenfalls zu der Einsicht kamen, daß die Geistesverfassung des Kaisers nicht normal war? Die Antwort darauf ist einfach: Alle Personen, die ihn näher kannten, sind früher oder später genau zu dieser Auffassung gekommen.“ Wäre dem wirklich so gewesen, müßte man sich fragen, wie Wilhelm II. 30 Jahre lang regieren konnte, ohne abgesetzt zu werden!

Im November 2018 – genau hundert Jahre nach Kriegsende – setzte sich der Medizinhistoriker Dr. David Freis in der FAZ erneut – und im Gegensatz zu Röhl mit medizinisch-fundierter Expertise – mit der Thematik auseinander. Er kam zu einem ganz anderen Urteil: „Nicht erst im November 1918 wurden psychiatrische Diagnosen der angeblichen Geisteskrankheit des Kaisers zu Waffen im politischen Kampf  […] Über den tatsächlichen Geistes- und Gesundheitszustand des letzten deutschen Kaisers läßt sich so nichts erfahren – umso mehr aber über die Konflikte und Deutungskämpfe, die an dieser Frage stellvertetend ausgefochten wurden. Die ‚Geisteskrankheit‘ Wilhelms II. war eine vieldeutige und widersprüchliche Metapher.“

Hören Sie hier den vollständigen FAZ-Essay von Dr. David Freis als Podcast

Nun haben sich zwei weitere Medizinhistoriker, Dr. med. Florian Bruns und Prof. Axel Karenberg, in ihrem Fachartikel „Vom Neurastheniker zum Bipolaren: Kaiser Wilhelm II. im Spiegel psychiatrischer Diagnosen des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Reihe „Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie“, Thieme) der Thematik gewidmet und kommen zu einem ähnlichen Urteil wie David Freis: „Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Monarchie haben sich viele Ärzte dahingehend geäußert, dass Kaiser Wilhelm II. psychisch krank gewesen sein müsse. Sie attestierten ihm unter anderem eine manisch-depressive Erkrankung, eine ‚allgemeine Nervenschwäche‘ oder eine ‚angeborene psychische Entartung‘. […] Es gibt nur wenige medizinische Aufzeichnungen über den Kaiser, das meiste sind allgemeine Zeitzeugnisse. Die Diagnosen sind daher letztlich Ferndiagnosen und somit Spekulationen.“ Ferner: „Die ad personam gerichteten Angriffe dienten seinen Gegnern als Mittel der politischen Auseinandersetzung und erreichten 1918/19 einen Höhepunkt, als über die Verantwortung für den verlorenen Ersten Weltkrieg gestritten wurde. Das Beispiel Wilhelms II. zeigt, dass sich Expertise und Deutungsmacht der Psychiatrie Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Politik ausdehnten.“

Lesen Sie mehr im Artikel von DAMALS sowie bei FOCUS Online

Fazit: Wer Wilhelm II. heute noch Formen von Geisteskrankheit unterstellt, bewegt sich auf unseriösem Terrain und findet in den oben genannten neuen medizinhistorischen Fachpublikationen stichhaltige Gegenargumente. Der spätestens jetzt unhaltbaren Cäsarenwahnsinn-These von John Röhl von 1989 steht folgender Satz aus dem Fachartikel von Bruns und Karenberg mahnend entgegen: „Der Fall [Wilhelms II.] verweist überdies auf die Problematik psychiatrischer Ferndiagnosen und erinnert an die notwendige Trennung von psychiatrischem und politischem Urteil.“ Dies freilich ist umso bedauerlicher, als Röhls Cäsarenwahnsinn-These von 1989 gleichsam als Prämisse für seine ab 1993 veröffentlichte dreibändige Wilhelm II.-Biographie gesehen werden kann. Diese gilt nach wie vor als Standardwerk, und John Röhl kommt in fast jeder TV-Dokumentation zu Wilhelm II. weiterhin unwidersprochen zu Wort.

Dr. Benjamin Hasselhorn: „Königstod: 1918 und das Ende der Monarchie in Deutschland“

Auf knapp 180 Seiten gelingt dem Historiker Dr. Benjamin Hasselhorn mit Königstod: 1918 und das Ende der Monarchie in Deutschland (22 €) ein weiterer äußerst lesenwerter Beitrag auf dem Büchermarkt, der das „ungnädige Bild Wilhelms II.“ (Eberhard Straub) korrigiert. Hasselhorn betrachtet das Ende der Monarchie in Deutschland als das was es war: unnötig und ein schweres Unglück, das fatale Folgen hatte für das Selbstverständnis der Deutschen nach dem Krieg und die Stabilität der nachfolgenden politischen Ordnung.

Der Historiker Golo Mann urteilte vor geraumer Zeit kenntnisreich und einfühlsam über die Tragik des November 1918: „Der Umsturz von 1918 ist historisch sinnlos, denn das was die Leute wollten, hatten sie schon oder hätten es demnächst bekommen […] Eine uralte Anordnung des öffentlichen Lebens wurde in wenigen Stunden hinweggefegt und es trat nichts Solides an ihre Stelle.“

Hasselhorn stimmt mit Golo Mann überein und widerspricht damit Figuren wie dem Bremer Historiker Lothar Machtan („Kaisersturz“), der – ohne den entscheidenden Einfluß der US-Amerikaner auf die Ereignisse des November 1918 überhaupt zu erwähnen – behauptet, der Sturz der Monarchie sei ein langgehegter Wunsch der Deutschen gewesen.

Gekonnt lässt der Autor in den ersten Kapiteln nicht nur das Leben und Wirken des letzten Kaisers sowie die genauen Umstände der Abdankung sachkundig Revue passieren, sondern geht auch auf die sakrale Dimension der Monarchie, also den oft ausgeblendeten Zusammenhang zwischen Religion und Monarchie, ein.

Das Politikmagazin Cicero kam zu dem Urteil: „Hasselhorn rettet die Ehre des Kaisers und findet die Lücke im kollektiven Gedächtnis.“
Ita est – eine kurzweilige und kompakte Lektüre, der große Verbreitung zu wünschen ist.

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FAZ zum Mythos „Untertanenstaat“ und „Deutscher Sonderweg“

Das Zerrbild, daß das deutsche Kaiserreich ein illiberaler Untertanenstaat gewesen sei und daß sich das Deutsche Reich auf einem fatalen „Sonderweg“ befunden habe, der zu Hitler führen mußte, ist immer noch weiterverbreitet. Gleichwohl haben besonders in den letzten Jahren zahlreiche Historiker aus dem In- und Ausland dieses jahrzehntelang wirkmächtige Narrativ relativiert und widerlegt. Wir selbst haben in unserem Artikel „Deutschlands großer Sprung nach vorn“ die Modernität des Kaiserreichs ausführlich dargelegt und uns der Widerrede angeschlossen.

Nun veröffentlichte die habilitierte Historikerin Hedwig Richter (*1973) in der FAZ einen Beitrag unter dem Titel „Wir Untertanen“, der ebenfalls Widerspruch leistet.
Lesen Sie hier Hedwig Richters FAZ-Beitrag

Faktenbasierte Antwort auf den Vorwurf der deutschen Kriegsgreuel in Belgien 1914

Zur Neuerscheinung:
Ulrich Keller: Schuldfragen. Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914, Schönigh-Verlag, Oktober 2017, 435 S.

Beim Vormarsch durch Belgien stießen deutsche Truppen 1914 auf erbitterten Widerstand der belgischen Zivilbevölkerung. Der Krieg artete in einen Guerillakrieg aus, den die Deutschen mit entsprechender Härte beantworteten. Die alliierte Kriegspropaganda dramatisierte diese maßlos (z.B. wurde behauptet, die Deutschen würden belgischen Kindern die Hände abhacken), und die Stilisierung der Deutschen als brutale „Hunnen“ zeigte nachhaltig Wirkung. Viel davon übernahmen die Deutschen nach 1968 unkritisch und bereitwillig in ihre schwarzgefärbte und mit einem Schuldkomplex behaftete Selbstwahrnehmung.

Doch jetzt regt sich Widerspruch: Der in den USA lehrende Kunsthistoriker Ulrich Keller hat ein Werk vorgelegt, in dem er, durch intensive Archivforschung gestützt, der historischen Wahrheit nachspürt. Keller belegt z.B. die große Brutalität, mit der die belgische Bevölkerung gegen verwundete und gefangene deutsche Soldaten vorging, was zur Eskalation der Gesamtsituation erst maßgeblich beitrug.

Selbst der Historiker Gerd Krumeich, der bislang ein stets dezidiert kritisches Bild Deutschlands vom Kaiserreich und 1. Weltkrieg gezeichnet hatte, mußte nach der Lektüre von Kellers Forschungsergebnissen seine bisherigen Ansichten zum „Rape of Belgium“ revidieren – die Fakten waren einfach nicht zu leugnen. Krumeich steuerte schließlich auch das bemerkenswerte Vorwort zu Kellers Werk bei. Er kommt darin zu folgendem Urteil, dem man uneingeschränkt zustimmen muß:
„ein vorbildlich recherchiertes, differenziertes, klug abwägendes Buch, das den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile in seinen Bann schlägt.“

Rezension bei der JF
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Hintergründe zum U-Boot-Krieg vor 100 Jahren

„Die zu Beginn des Kriegs verkündete Seeblockade durch Großbritanniens Marine sollte Deutschland den wirtschaftlichen Lebensnerv durchtrennen.

Weil die deutschen Überwasser-Streitkräfte (entgegen der britischen Propaganda) zu schwach waren, um diese Blockade zu durchbrechen, mußte sich die deutsche Seekriegsleitung etwas anderes einfallen lassen. Es ging um die Gegenblockade der britischen Insel durch Unterseeboote. Admiral Scheer, der Sieger der Skagerrak-Schlacht schrieb damals, «daß es einen ungeheuren Eindruck machen würde, wenn in kurzer folge mehrere große Handelsschiffe mit großen Ladungen dicht vor dem sicheren Hafen verloren gingen (…) Kein Schiff ist mehr sicher die Haupthandelsplätze zu erreichen, und die Schiffahrt wird mit solchen Gefahren verknüpft sein, daß sie das auf ihr lastende Risiko nicht zu ertragen vermag.» Doch ein Handelskrieg nach dem sogenannten Prisenrecht war für Unterseeboote kaum praktikabel. 

Diese Vorschriften stammten noch aus dem 19. Jahrhundert, als Unterwasserkriegsführung unbekannt war. Demnach durften Handelsschiffe nur nach vorheriger Warnung angegriffen werden. Sie sollten durch Signale oder einen Schuß vor den Bug gestoppt werden, dann waren die Frachtpapiere durch ein an Bord geschicktes Prisenkommando zu prüfen. Deutschlands Marine hielt sich zunächst an diese Vorgehensweise. Allerdings war das mit enormen Risiken verbunden, denn ein aufgetauchtes U-Boot erwies sich als sehr verletzlich, weil es nur über ein Bordgeschütz verfügte.

Während der zeitraubenden Prisenprozedur bestand auch immer die Gefahr, daß feindliche Kriegsschiffe erscheinen und das U-Boot unter Beschuss nehmen, weil es meist nicht rechtzeitig wegtauchen konnte. Nach den ersten spektakulären Erfolgen der deutschen U-Boote zu Kriegsbeginn wurde am 15. Februar 1915 der uneingeschränkte U-Boot-Krieg für ein Sperrgebiet rund um die britischen Inseln erklärt.

Jetzt griff man ohne Vorwarnung unter Wasser an. Doch nachdem im Mai 1915 ein deutsches U-Boot den englischen Passagierdampfer ‚Lusitania‘ versenkt hatte und dabei auch US- Bürger umgekommen waren, änderte sich die Lage. Nach Androhung eines Kriegseintritts der USA auf westalliierter Seite mußte wieder zur gefährlichen Prisenordnung zurückgekehrt werden. Weil die Briten aber als Handelsschiffe getarnte Kriegsschiffe (sogenannte ‚Q-Ships‘) einsetzten, teilweise unter falscher Flagge und die aufgetauchten U-Boote nahezu wehrlos waren, nahm man im Februar 1916 den uneingeschränkten Krieg wieder auf.

Der Einsatz von ‚Q-Ships‘ galt als Kriegsverbrechen, weil ihre Besatzungen auf deutsche schiffbrüchige Matrosen schossen.

Im Juli 1916 stand Charles Fryatt, Kapitän eines ‚Q-Ships‘ vor einem deutschen Kriegsgericht, weil er ein U-Boot gerammt hatte, obwohl er kein Kriegsschiff befehligte. Fryatt wurde erschossen. Nach kurzzeitiger Aussetzung zeigte die radikale Variante des U-Boot-Krieges dann erste gravierende Folgen. Die Versenkungszahlen schossen in die Höhe. Kulminationspunkt bildete der April 1917 mit 883.000 Tonnen versenkten Schiffsraumes.

Selbst im Zweiten Weltkrieg wurde diese monatliche Ziffer nie übertroffen. Der US-Admiral William S. Sims konstatierte, «daß im April 1917 tatsächlich nur noch Lebensmittel für vier bis sechs Wochen in England vorhanden waren.» Der drohende Wirtschaftskollaps der Importnation Großbritannien, die in den USA immense Schulden aufgenommen hatte, und die Februar-Revolution, wodurch das Ausscheiden Rußlands aus dem Krieg drohte, veranlaßten schließlich im April 1917 die USA zum Kriegseintritt.

Ihre riesige Flottenmacht verhinderte den deutschen Plan, durch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg die britische Regierung binnen sechs Monaten zum Frieden zu zwingen.

Insgesamt wurden von den 320 eingesetzten deutschen U-Booten der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg 6400 Handelsschiffe mit 11,9 Millionen BRT sowie nahezu 100 Kriegsschiffe mit 370.000 BRT versenkt.“

Quelle: Staatspolitisches Handbuch, Band 5: Deutsche Daten.
Schnellroda 2016, S. 149f.

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„Der Kaiser zählte zu den letzten, die dem Druck stand hielten und sich einem uneingeschränkten U-Bootkrieg entgegenstellten.“
Prof. Christopher Clark: Wilhelm II. München 2008, S. 338

Ian Kershaw über das Kaiserreich und Wilhelm II.

Der britische Historiker Ian Kershaw wurde in Deutschland vor allem durch seine Hitler-Biographie bekannt, deren beide Bände 1998 und 2000 erschienen sind und die neben der Hitler-Biographie von Joachim Fest von 1973 als Standardwerk gilt.

Letztes Jahr hat Kershaw ein neues Monumentalwerk vorgelegt, das jetzt auch in deutscher Sprache erhältlich ist:
In „Höllensturz – Europa 1914 bis 1949“ gelingt Kershaw eine fesselnde Darstellung jener 35 turbulenten und fatalen Jahre in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die das Gesicht Europas für immer verändern sollten – vom Ausbruch des 1. Weltkrieges bis hin zur Neugestaltung Europas nach dem Ende des 2. Weltkrieges.

Interessant dabei ist, daß Kershaw – anders als viele deutsche Historiker – dem traditionellen Deutungsmuster der angelsächsischen Geschichtslehre folgt, die einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen beiden Welkriegen sieht und daher beide zusammenfassend als „2. Dreißigjährigen Krieg“ bezeichnet. Hitler wäre eben ohne Versailles nicht denkbar gewesen!

Kershaw ist um eine ausgewogene Darstellung bemüht, ähnlich wie vor wenigen Jahren Christopher Clark in seinen „Schlafwandlern“ . So werden – anders als bei vielen deutschen Historikern der letzten Jahrzehnte – das deutsche Kaiserreich und Kaiser Wilhelm II. nicht dämonisiert oder gar als Alleinschuldige gebrandmarkt. Vielmehr stellt Kershaw mehrfach die positiven Seiten des Kaiserreichs im Vergleich zu anderen europäischen Staaten dar, z.B. wenn er schreibt:

„Ungeachtet des Antisemitismus an den politischen Rändern konnten sich die meisten Juden im wilhelminischen Deutschland heimisch fühlen. Für Juden bedrohlicher erschien die Atmosphäre in Frankreich, das erst jüngst die schmachvolle Dreyfus-Affäre erlebt hatte. […] Weit schlimmer war die Lage der Juden in Osteuropa. Gewalttätige, häufig von der zaristischen Polizei und Verwaltung angestiftete Pogrome, bei denen Tausende Juden getötet und verletzt wurden, hatten zwischen 1903 und 1906 ein finsteres Licht auf Teile Westrusslands geworfen. Auch in Polen, der Ukraine, in Ungarn, Rumänien und den baltischen Regionen war eingefleischter Judenhass endemisch.“

In der Julikrise, unmittelbar vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, kommt Kershaw zu einer ganz anderen Beurteilung des deutschen Kaisers als sein britischer Kollege John Röhl, der Wilhelm II. zum unerbittlichen Kriegstreiber und Quasi-Alleinschuldigen stilisierte:

„Der Kaiser […] war, bei all seinem Kriegsgepolter, ein Zauderer; er bekam, als die Krise sich entfaltete, kalte Füße, in letzter Minute noch wollte er vom Krieg zurückweichen. Aber der Kaiser war faktisch nicht in der Lage, Kräfte zu kontrollieren, die weit mächtiger waren als er selbst.“

Ein äußerst lesenswertes, ungemein aufschlußreiches Werk!

Weitere Infos:
https://www.randomhouse.de/Buch/Hoellensturz/Ian-Kershaw/DVA-Sachbuch/e490820.rhd

Heute vor 100 Jahren:
Die Seeschlacht am Skagerrak

Am heutigen 31. Mai 2016 jährt sich zum 100. Mal die legendäre Seeschlacht am Skagerrak.

Vor dem dänischen Jütland trafen die “Grand Fleet” des britischen Empires (mit 155 Schlachtschiffen) und die Kaiserliche Hochseeflotte (mit 99 Schlachtschiffen) zur größten Seeschlacht der Weltgeschichte aufeinander.

Auf britischer Seite zählte man am Ende des Gefechts zwar rein numerisch die eindeutig größeren Verluste:

Seeschlacht_Vergleich
Doch das Deutsche Reich konnte daraus keinen strategischen Vorteil ziehen, denn es änderte mit der Schlacht nichts Entscheidendes an der britischen Abriegelung der Nordsee, die auch nach der Skagerrak-Schlacht bestehen blieb.

Für viele Historiker galt folglich der Ausgang der Schlacht lange als „Unentschieden“ oder als deutsche Niederlage.

Eine sehr lesenswerte alternative Deutung von Vorgeschichte, Verlauf und Folgen der Schlacht liefert der Publizist Jürgen Busche, der den nachstehenden Artikel zum 90jährigen Jubiläum – also vor 10 Jahren – für die Zeitschrift Cicero verfaßte.
Dabei geht der Autor auch auf die Rolle der deutschen Hochseeflotte in der Vorkriegszeit und deren Bedeutung als „Abschreckungswaffe“ gemäß der Tirpitzschen „Risikopolitik“ ein. Busche kommt zu der Erkenntnis, daß die Skagerrak-Schlacht die Richtigkeit der deutschen Flottenpolitik bestätigte.

Lesen Sie den Cicero-Artikel von Jürgen Busche unter:
www.cicero.de/berliner-republik/wer-siegte-am-skagerrak/37401

Richtigstellungen über das Kaiserreich und den Armenier-Völkermord 1915-18

In den Jahren 1915-18 wurden im Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen christliche Armenier durch die osmanische Regierung deportiert und ermordet. An diesem Völkermord, der in der offiziellen Geschichtsschreibung der Türkei bis heute geleugnet wird, habe sich auch das Deutsche Kaiserreich mitschuldig gemacht, stellte 2005 der Deutsche Bundestag fest. Das Osmanische Reich, im Ersten Weltkrieg Verbündeter des Deutschen Kaiserreichs, sei durch die deutsche Regierung damals nicht in die Schranken gewiesen worden.

Daß diese Schuldzuschreibung nicht den historischen Tatsachen entspricht, wies Manfred Backerra Anfang Dezember in seinem Vortrag in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin nach. „Das Deutsche Reich, so Backerra, sei im Krieg einem existenziell wichtigen Verbündeten so in die Arme gefallen, wie es keiner der Feindstaaten getan hätte.“

Ähnlich wie Kaiser Wilhelm II. war übrigens auch der osmanische Sultan während des Krieges weitgehend entmachtet; der Genozid wurde vielmehr auf Betreiben der jungtürkischen Bewegung durchgeführt. Dem Sultan wurde z.B. ein an ihn gerichteter Protestbrief von Papst Benedikt XV. von jungtürkischer Seite so lange vorenthalten, bis längst Tatsachen geschaffen und hunderttausende Armenier umgekommen waren.
Auch die scharfen deutschen Proteste blieben erfolglos: „Proteste nützen nichts, und türkische Ableugnungen, daß keine Deportationen mehr vorgenommen werden sollen, sind wertlos.“, so zitiert Backerra eine Note des deutschen Botschafters aus Istanbul nach Berlin.

Lesen Sie den vollständigen Bericht auf der Website der Bibliothek des Konservatismus:
www.bdk-berlin.org/2015/rufmord-am-deutschen-handeln/

Veranstaltungshinweis: Jörg Friedrich in Berlin über das Kriegsjahr 1915

Der renommierte Historiker Jörg Friedrich hält am 20. November in Berlin einen Vortrag mit dem Titel: „Das Jahr 1915 – Die Wende zum Kreuzzug“. Der Vortrag findet in der „Bibliothek des Konservatismus“ in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg statt.

Jörg Friedrich sorgte letztes Jahr mit seinem 1000-Seiten-Werk „14/18“ über den Ersten Weltkrieg für Aufsehen, warf er darin doch provokative Fragen jenseits der gängigen Geschichtsschreibung auf. In seinem Vortrag am 20. November wird Friedrich genau 100 Jahre zurückblicken, in das „Kriegswendejahr“ 1915. Eine sicherlich hochinteressante Veranstaltung, die wir wärmstens empfehlen!

Weitere Infos unter:
www.bdk-berlin.org/2015/joerg-friedrich-das-jahr-1915-die-wende-zum-kreuzzug/

„Mehr Wilhelminismus wagen!“
Der erfolgreichste Staat der Welt

„Mehr Wilhelminismus wagen!“ – unter diesem provokativen Titel veröffentlichte Wolfgang Müller, einer der beiden Betreiber von wilhelm-der-zweite.de, kürzlich einen Artikel im libertären Magazin eigentümlich frei.

Wolfgang Müller erinnerte darin an die Modernität des deutschen Kaiserreiches, welches in vielerlei Hinsicht eine bessere Bilanz aufwies als die derzeitige späte Bundesrepublik.

Lesen Sie den ganzen Artikel unter:
http://www.ef-magazin.de/2015/09/02/7398-geschichtsrevision-mehr-wilhelminismus-wagen