Erneuter Nackenschlag für Propagandisten deutscher Alleinverantwortung am 1. Weltkrieg – diesmal aus England

Die britischen Autoren Gerry Docherty und Jim Mac Gregor haben soeben ein Buch vorgelegt, das hoffentlich auch bald  in deutscher Sprache erscheinen wird:
Hidden History. The Secret Origins of the First world War“, Edinburgh 2013

Die beiden Verfasser sehen die Hauptverantwortung am Ausbruch des 1. Weltkrieges in einem Kreis mächtiger, hinter den Kulissen tätiger  Politiker, die den Einfluß Großbritanniens und der USA mit allen Mitteln verteidigen wollten. Prominentes  Mitglied dieses Zirkels war u.a. Sir Edward Grey, Außenminister Großbritanniens seit 1905.

Prof. em. Hans Fenske hat in einem Beitrag für die „Junge Freiheit“ (Ausgabe 13/14 vom 21.3.) die brisante Neuerscheinung rezensiert:
„Der Wert der sehr aufschlußreichen Studie von Docherty und Mac Gregor liegt in dem Nachweis, daß der Anteil Großbritanniens am Ausbruch des Ersten Weltkriegs sehr viel größer war, als allgemein angenommen wird.“

www.waterstones.com/waterstonesweb/products/gerry+docherty/james+macgregor/hidden+history/9458072/

Gestern in der Süddeutschen Zeitung: John Röhl schlägt zurück und verrennt sich noch weiter

John RöhlJohn Röhl, der inzwischen 77jährige deutsch-britische emeritierte Professor, gilt seit Jahrzehnten als wissenschaftlicher Hauptgegner Kaiser Wilhelms II. Vor allem im letzten, 2008 erschienenen Band seiner Wilhelm II.-Biographie, weist er Wilhelm II. die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu. Mehr noch, er bezeichnet Wilhelm II. als Kriegstreiber, der den Weltkrieg bewußt herbeigeführt habe, um die deutschen Weltmachtansprüche zu verwirklichen.

Diese Sichtweise Röhls war jahrelang Allgemeingut, geriet aber gerade in den letzten Monaten in die Kritik, nachdem Prof. Christopher Clark (Cambridge) in seinem 900-Seiten-Werk „Die Schlafwandler“ die Schuld aller beteiligten Regierungen am Kriegsausbruch eindrucksvoll nachwies. (Ähnliche Thesen wie Clark hatte schon 1999 Röhls Landsmann Prof. Niall Ferguson vertreten, damals noch weitgehend ungehört.)

Kurzum: Röhl war zuletzt erheblich in die Defensive geraten. Lange war von ihm nichts zu hören, doch in der gestrigen Süddeutschen Zeitung nimmt er in einem Gastbeitrag zur aktuellen Diskussion der Kriegsschuldfrage nun ausführlich Stellung.

Röhl: Fritz Fischer statt Christopher Clark

Zunächst findet Röhl „nicht unbedenklich“, daß durch das Erscheinen von Clarks „Schlafwandler“ die Meinung in Deutschland umgeschwenkt sei und daß inzwischen laut Umfrage 58 % aller Deutschen eine gemeinsame Kriegsschuld der kriegführenden Nationen annehmen würden. Dabei habe doch schon vor Jahrzehnten Fritz Fischer die Kriegsziele und Kriegsvorbereitungen der deutschen Seite zweifelsfrei nachgewiesen.

Es ist bezeichnend, daß Röhl auf die von Clark präsentierten Fakten – den neusten Forschungsstand – überhaupt nicht eingeht, sondern daß für ihn weiterhin die jahrzehntealten Extremthesen Fritz Fischers die Grundlage bilden, die durch Clarks Forschungen eben stark relativiert worden sind. Röhl setzt sich in seinem Gastbeitrag mit Clarks Thesen überhaupt nicht auseinander, wie man es von einem Historiker gewiß erwartet hätte; auf den Inhalt von Clarks Werk geht er nicht näher ein (z.B. auf die von Clark herausgearbeitete maßgebliche Rolle Serbiens), bedauert jedoch dessen positive Rezeption in der deutschen Öffentlichkeit – eine für einen seriösen Historiker, der allein an Fakten interessiert sein muß, seltsam anmutende Verhaltensweise.
Während Clark alle kriegsbeteiligten Nationen im breiten Blickfeld hat, ignoriert Röhl dies vollständig und argumentiert weiter aus seinem allein auf Deutschland verengten Tunnelblick heraus. Weder die russische, noch die französische oder serbische Seite und deren Motive werden von ihm behandelt. So wird aus der Julikrise, laut Clark der komplexeste Vorgang der jüngsten Geschichte, eine eindimensionale, quasi zwangsläufige und strikt lineare Entwicklung, die offenbar allein von Deutschland bestimmt wurde, bei der Wilhelm II. die fatale Hauptrolle spielte und bei der auf deutscher Seite alles nur um die Frage zu kreisen schien: Wann endlich können wir losschlagen? Ist jetzt endlich die Gelegenheit zum Krieg da, auf die wir so lange gewartet haben, auf die wir so lange hingearbeitet haben?

Wilhelm II. wollte den Krieg verhindern

Gewiß gab es auf deutscher Seite, vor allem beim Militär (z.B. Falkenhayn, Moltke, Graf Waldersee), Falken, die zum Angriff rieten, da ihnen ein baldiger Krieg ohnehin unausweichlich schien und sie den strategischen Vorteil nutzen wollten. Doch Falken gab es bei allen damals beteiligten Nationen (was Röhl vollkommen ignoriert), besonders auf russischer Seite (zudem ist dies kein zeitspezifisches Phänomen, sondern typisch für militärische Führer insgesamt – man denke nur an die Kubakrise 1962). Röhl reiht in seinem Artikel jedoch derart geschickt die kriegsbejahenden Zitate der deutschen militärischen Führung aneinander, daß der Eindruck einer scheinbar unaufhaltbaren chronologischen Entwicklung entsteht, die zum Krieg führen muß. Einem Krieg, den die gesamte deutsche Führung offenbar gezielt wollte und suchte.

Tatsächlich aber gab es zwischen der politischen und militärischen Führung erhebliche Differenzen, was Röhl vollkommen verschweigt. Wilhelm II. schrieb 1922 rückblickend in seiner Autobiographie „Ereignisse und Gestalten“:

„In Potsdam eingetroffen [von der Nordlandreise zurückgekehrt], fand ich [Wilhelm II.] den Kanzler und das Auswärtige Amt im Konflikt mit dem Chef des Generalstabes, weil General v. Moltke die Ansicht vertrat, der Krieg werde unbedingt ausbrechen, während die beiden ersteren fest auf ihrer Auffassung bestanden, es werde nicht dazu kommen, der Krieg würde sich vermeiden lassen.“

In Röhls Artikel wird Wilhelm II. als Kriegstreiber charakterisiert, der es offenbar gar nicht erwarten konnte, loszuschlagen und der voll auf Seiten der Militärs stand. Wie erklärt sich dann das Telegramm Wilhelms II. an den russischen Zaren, in dem Wilhelm II. seinen russischen Cousin verzweifelt bittet, von der Mobilmachung abzusehen? Wie erklärt sich das Schreiben Wilhelms II. an das Auswärtige Amt vom 28. Juli 1914 nach Eingang der serbischen Antwort auf das österreichische Ultimatum:

„Durch sie entfällt jeder Grund zum Kriege. […] Auf dieser Basis bin ich bereit, den Frieden in Österreich zu vermitteln“

Diese beiden zentralen, bekannten Schriftstücke, die beweisen, daß Wilhelm II. den Frieden bewahren wollte, werden von Röhl in seinem Artikel unterschlagen – sie würden ja auch die Stigmatisierung von Wilhelm II. als Kriegstreiber eindeutig widerlegen.

Wieder einmal zeigt sich, daß der zu Recht vielgerühmte Faktenreichtum bei Röhl nur die eine Seite der Medaille ist. Bedenklicher ist Röhls tendenziöse Faktenselektion, wo er einfach unliebsame Tatsachen unter den Tisch fallen läßt, die seinen einseitigen Thesen widersprechen.

Fazit
Wer erwartet hatte, John Röhl würde in seinem SZ-Gastbeitrag eine wissenschaftliche Replik auf die neuen Forschungsergebnisse von Prof. Clark (und anderen) liefern, sieht sich enttäuscht. Röhl geht nicht nur auf Clarks Werk inhaltlich gar nicht ein, sondern verweist auf eine – inzwischen nicht mehr hinreichende – einseitige Faktenlage, die jedoch seit Jahrzehnten verbindlich sei.
Für ihn steht weiterhin allein Deutschland im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Betrachtungsweise ist nicht differenziert wie bei Clark, sondern eindimensional.
Er hat sich sprichwörtlich verrannt in seiner Sicht der Dinge.

Röhl bemerkt offenbar nicht, daß sich durch Clarks Werk die Bewertung der historischen Tatsachen tatsächlich nachhaltig verschoben hat. In der Tat sind inzwischen Clarks Interpretationen weitestgehend Konsens unter den Historikern, und Röhls Nimbus als unumstrittene Autorität bezüglich Wilhelm II. und Erstem Weltkrieg ist erheblich in Frage gestellt. Die alleinige Deutungshoheit, die Röhl jahrzehntelang zweifellos besaß, existiert nicht mehr.

* * *

„Deutschland trug zwar zur Entstehung des Krieges bei und trägt folglich eine Mitschuld, aber mehr nicht. Es gab keine deutsche Verschwörung zum Krieg. Deutschland wollte Großmacht sein, deshalb verhielt es sich wie eine Großmacht. Die deutsche Politik blieb völlig im Rahmen der Zeit.”
— Prof. Christopher Clark in einem Interview mit der Zeitung „Junge Freiheit“, Januar 2014


Den vollständigen SZ-Gastbeitrag von John Röhl finden Sie unter:
www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkriegs-wie-deutschland-den-krieg-plante-1.1903963

Buch von US-Historiker McMeekin erscheint am 10. März in deutscher Übersetzung!

Der US-Historiker Sean McMeekin hat ein neues Werk „July 1914„, in dem er die Vorgeschichte des 1. Weltkriegs und die sogenannte „Julikrise“ untersucht, vorgelegt.

Er sieht die Hauptverantwortlichen für die Eskalation der Ereignisse in den Politikern und Militärs in St. Petersburg und Paris.

Erneut ein spannender Beitrag zur Diskussion anläßlich der 100. Wiederkehr des 1. Weltkrieges!
Die Mär einer deutschen bzw. deutsch-österreichischen Allein- oder Hauptschuld zerbröckelt zusehends.

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