Dokufilm: „Berlin zur Kaiserzeit – Glanz und Schatten einer Epoche“ (1985)

Der Dokumentarfilm von Irmgard von zur Mühlen aus dem Jahre 1985 zeigt ein sehenswertes Porträt Berlins und seiner Gesellschaft der Kaiserzeit. Obwohl der Film inzwischen in Frage gestellte Stereotype nicht ausspart (z.B. die angeblich unvernünftige Entlassung Bismarcks durch den Kaiser), hebt er sich doch wohltuend von den einseitigen, rein negativen Dokudramen der Gegenwart ab.

Insgesamt wird die enorme Widersprüchlichkeit einer Epoche voller Dynamik und Umbrüche eindrucksvoll deutlich, genauso wie die überraschende Liberalität des Kaiserreichs: Kritische Stimmen wurden nicht moralisierend uniform verurteilt wie heute, sondern konnten sich weitgehend frei entfalten – in den Parteien, in der Presse und in der Kunst.

Kaiser Wilhelm II. als prägende Figur der Epoche nimmt eine zentrale Rolle auch im Film ein; die Urteile über ihn sind durchaus ausgewogen und nicht einhellig negativ. Ein Beispiel: „So ablehnend Wilhelm Sozialdemokraten gegenüber war – den ‚vaterlandslosen Gesellen‘, wie er sie bezeichnete – so tolerant zeigte er sich gegenüber Juden. Die jüdische Gemeinde erstarkte. Im Bank- und Zeitungswesen, in Literatur und Theater spielten die Juden eine herausragende Rolle.“

Einziges Manko des Filmes ist, daß ein Vergleich Berlins mit anderen zeitgenössischen Metropolen (wie London, Paris, New York oder Moskau) fehlt. Viele der Szenen, die auf uns heute befremdlich wirken (z.B. die generelle Überhöhung des Militärischen, die Rolle der Frauen oder die soziale Not der Arbeiterschaft) waren schließlich eine Zeiterscheinung, die in den anderen Metropolen und Ländern in ähnlicher und sogar noch schlimmerer Weise zu Tage traten. Die sozialen Verhältnisse im Berlin der Kaiserzeit waren im Vergleich fortschrittlicher und humaner als in London oder Paris (wo es z.B. noch keine vergleichbare Sozialversicherung gab). Das militärische Pathos war ein allgemeines Kennzeichen des Zeitalters des Imperialismus – und in Berlin nicht anders als in Moskau oder London, wo sich das stolze britische Empire feierte (und wo das Frauenwahlrecht erst 1928 eingeführt wurde).

Sie können sich den Film hier ansehen: