John Röhl ⇒ englisches TV ⇒ Bild am Sonntag: erotische Mutterträume Wilhelms II. als Ursache des 1. Weltkrieges!

John RöhlDer deutsch-britische Historiker Prof. John Röhl gilt seit Jahrzehnten als Hauptkritiker Kaiser Wilhelm II. In seiner dreibändigen Kaiser-Biographie läßt er kein gutes Haar an Wilhelm II. und stellt diesen an den Rande des Wahnsinns,  in wesentlichen Punkten sogar in eine Reihe mit Hitler.

John Röhl wird für seine stets einseitige Sichtweise selbst von Fachkollegen kritisiert  trotzdem gibt es kaum eine TV-Dokumentation oder ein Sonderheft zum Thema, in dem er nicht unwidersprochen zu Wort kommen und seine Extremthesen darstellen darf.

Das neueste Kapitel in dieser unseligen Geschichte wurde dieses Wochenende aufgeschlagen:
Das englische Fernsehen sendete eine reißerische Dokumentation über Wilhelm II., in der John Röhl neu entdeckte Briefe des 16jährigen Wilhelm an seine englische Mutter präsentierte.

Wilhelm II. wurde von seiner Mutter nie geliebt und buhlte lange um ihre Zuneigung. Die von Röhl jetzt veröffentlichten Briefe zeigen einen sehr sentimentalen jungen Prinzen Wilhelm, der sich selbst als 16jähriger noch seine Sehnsüchte einer intimen Mutterbindung von der Seele schrieb, was in der Zeit um 1870 übrigens nicht außergewöhnlich war.

Röhl wertet diese Briefe in seiner für ihn typischen gewollt negativen Absicht als eine Art erotische Obsession, als „kind of crush“, die Wilhelm in unnatürlicher Weise gegenüber seiner Mutter entwickelt habe. Der Psychologe Dr. Brett Kahr nimmt die Steilvorlage John Röhls auf und unterstellt dem jungen Wilhelm „sexuelle Energien gegenüber seiner Mutter“, die schließlich „fast inzestuös“ gewesen seien.

Die Tatsache, daß die Mutter die Zuneigung ihres Sohnes nicht erwiderte, habe schließlich zur Aversion des Kaisers gegen England insgesamt geführt, so die englische Zeitung The Independent, die über die Sendung berichtete: „Wilhelm became bitter towards her – and her country„.

Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese eigenartige, konstruierte Kausalkette auch den Leser in Deutschland erreicht und noch einen Schritt weiter geführt wird. Dazu fühlte sich die gestrige Bild am Sonntag berufen, wo auf S. 18 unter der reißerischen Überschrift „So erotisch träumte Deutschlands letzter Kaiser von seiner Mama zu lesen ist: „Wilhelm II. [habe] das Vaterland seiner Mutter gehasst und deshalb 1914 den Ersten Weltkrieg vom Zaun gebrochen.

Wir fassen zusammen: John Röhl liefert in bekannt negativer Absicht neue Quellen und interpretiert sie entsprechend tendenziös, seine These wird reißerisch verstärkt („sexuelle Energien), im TV präsentiert und in den britischen Printmedien verbreitet, und die größte deutsche Sonntagszeitung macht daraus die Ursache für den 1. Weltkrieg  an dem somit natürlich wieder allein der Kaiser schuld sei.

Dieser Vorwurf ist freilich gerade jetzt erst wieder überzeugend widerlegt worden, und das sollte auch der Bild am Sonntag bekannt sein. Das neue Standardwerk zur Vorgeschichte des 1. Weltkrieges, „Die Schlafwandler von Prof. Christopher Clark, ist schließlich in aller Munde und seit Wochen auf dem Spitzenplatz der Bestsellerlisten. Clark stellt darin auf über 900 Seiten überzeugend dar, daß Deutschland nicht als Hauptschuldiger am 1. Weltkrieg betrachtet werden kann und daß man schon gar nicht von einer Hauptschuld Wilhelms II. sprechen kann, wie es jahrzehntelang vielfach üblich war. Wie ist es dann möglich, daß in der „Bild am Sonntag  weiterhin geschrieben wird, Wilhelm II. habe „1914 den Ersten Weltkrieg vom Zaun gebrochen

Wie diese Behauptung der Bild am Sonntag zustande kam, ist abenteuerlich, äußerst aufschlußreich und führt letztlich wie so oft zurück auf den Hauptgegner Wilhelms II. unter den Historikern, John Röhl. Dabei war zu hoffen, daß durch Prof. Clarks großes Werk endlich eine Versachlichung der Diskussion über Wilhelm II. und den 1. Weltkrieg eintritt. Vermutlich muß dies ein frommer Wunsch bleiben, wenn dem die Jagd nach TV-Quote und Auflage entgegensteht.
Wirklich bedauerlich ist freilich, welch zentrale Rolle erneut John Röhl in diesem unseligen Spiel einnimmt. Hier kann man nur dem Kommentar eines britischen (!) Lesers zustimmen, abgegeben im Internet-Diskussionsforum zum oben genannten Artikel des Independent: „Röhl seems to be engaged in an ongoing attempt to smear the Kaiser and his regime with whatever nonsense he can think of. It would be more suited to the tabloid press than an academic. Those who want a balanced picture of the Kaiser and his reign, please read Christopher Clark’s ,Kaiser Wilhelm II‘.

Im Übrigen: Wilhelm II. empfand keinen generellen Haß gegen England, wie es die englische Presse in der aktuellen Diskussion unterstellt und die Bild am Sonntag bereitwillig übernimmt. Als nur ein Gegenbeleg sei hier auf das berühmte Daily-Telegraph-Interview von 1908 verwiesen, in dem Wilhelm II. äußerte: Ich habe immer wieder gesagt, daß ich ein Freund Englands bin. […] Das überwiegende Gefühl in großen Teilen der mittleren und unteren Klassen meines eigenen Volkes ist England nicht freundlich. Ich befinde mich sozusagen in einer Minderheit in meinem eignen Land. […] Ich strebe unablässig danach, die Beziehungen zu bessern, und Ihr [Engländer] antwortet, ich sei Euer Erzfeind. Ihr macht mir das wirklich schwer. Warum?

– Roland Siegert

Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Ich selbst habe diesen Brief Wilhelms, worin er seiner Mutter, den ihn doch persönlich verwirrenden, Traum schildert gelesen.

    Für die eher einfach gestrickte Leserschaft, oder diejenigen, die immer auf der Suche nach etwas Dreck sind, mag das ja stimmig sein, aber jeder gute Traumdeuter, modern Traumanalytiker, wird bestätigen, dass erotische Träume in den allerseltesten Fällen, wenn, z.B. Matrosen auf einem Schiff wochen- oder gar monatelang unterwegs sind, ohne dass Kontakt zu Frauen stattfindet, als solche zu verstehen sind.
    Aber irgendeine Interpretation paßt bekanntlich immer und wenn sie dem Zweck dient, den Ruf eines Menschen zu ruinieren und zu diskreditieren, dann in den Augen des Autors umso besser.

    Ich kann dem Kommentar des britischen Lesers nur zustimmen…


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