Sean McMeekin: Wilhelm II. in der Hochphase der Julikrise 1914

Auf Seite 389 der deutschen Übersetzung schreibt der US-Historiker Sean McMeekin in seinem Buch „Juli 1914 – der Countdown zum Krieg“:

„England, Frankreich und Rußland haben sich verbündet, um  gegen uns einen Vernichtungskrieg zu führen und nehmen den österreichisch-serbischen Konflikt als Vorwand.“ Er [Wilhelm II.] schloss (erneut), dass alle Hoffnung auf Frieden verloren sei und schrieb: „Jetzt muß dieser ganze Betrug schonungslos offengelegt werden und die Maske christlicher Friedfertigkeit unsanft und öffentlich vom Gesicht Englands gerissen werden… Und unsere Konsuls in der Türkei, in Indien, Agenten usw. müssen die ganze mohammedanische Welt entflammen, auf dass man sich gegen dieses verhasste , verlogene, gewissenlose Volk von Krämerseelen einen wilden Aufstand anzettelt; wenn wir uns schon zu Tode bluten sollen, dann soll England wenigstens mindestens Indien verlieren.“

Lassen wir die extreme Rhetorik (und seine Vision von einem heiligen islamischen Krieg) beiseite, dann lag der Kaiser mit seiner Intuition ein weiteres Mal richtig. Genau wie seine verärgerten Marginalien vom Donnerstagmorgen exakt den Ablauf der russischen Kriegsvorbereitungen erahnt hatten, so erfasste er jetzt, am Donnerstagabend, das Wesentliche dieser verheerenden strategischen Lage in seinem erregtem Gefühlszustand deutlich klarer als zu späterer Stunde, als er sich wieder beruhigt hatte. Zur gleichen Zeit, als er die blindwütigen Marginalien kritzelte – das war gegen 19 am Donnerstag des 30. Juli -, kam die geheime russische Mobilmachung gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in Bewegung. Und zur gleichen Stunde hatte mittlerweile auch Frankreich Truppen zum Schutz an der deutschen Grenze abgestellt.

So verwirrt wie sich der antienglische Wutausbruch des Kaisers auch darstellte, die britische Neutralitätshaltung […] war in der Tat unaufrichtig; das wurde durch die voreingenommene  Verhandlungsposition, das Leugnen der russischen Kriegsvorbereitungen und Greys kürzliche Drohung (im Gegensatz zu seinen häufig erfolgten und hinterlistigen Neutralitätsversprechen) bestätigt.

Immer wenn seine inneren Dämonen die Oberhand gewannen, sah der Kaiser die Dinge äußerst klar.“