Hans-Ulrich Wehler †

Hans-Ulrich Wehler, der vielleicht einflußreichste Historiker der letzten Jahrzehnte in der Bundesrepublik, ist am Samstag im Alter von 82 Jahren verstorben. Wehler galt als Gallionsfigur einer neuen Art von Geschichtsschreibung (nach seinem Wirkungsort „Bielefelder Schule“ benannt), die nicht mehr die „großen entscheidenden Personen“ (wie z.B. Alexander den Großen, Napoleon oder Hitler) ins Zentrum der Geschichte stellte, sondern vermehrt sozialpolitische Strömungen und gesellschaftliche Prozesse als Handlungsträger ausmachte. Vertreter der Alten Schule (z.B. Golo Mann oder Joachim Fest) wurden von Wehler massiv kritisiert oder – z.B. im Rahmen des Historikerstreits 1986/87 – auch persönlich angegriffen. Wehler führte hier einen Feldzug, in dem er letztlich erfolgreich war – seine Sicht war in den 70er bis 90er Jahren die quasi-offiziöse Denkweise in der bundesrepublikanischen Elite und Presselandschaft geworden. Das geistige Triumvirat aus Fritz Fischer, Hans-Ulrich Wehler und John Röhl beherrschte jede Debatte über das Deutsche Kaiserreich.

Besonders einflußreich war Wehler mit seinem 1973 erschienenen Buch „Das deutsche Kaiserreich 1871-1918“. Aufbauend auf den gut 10 Jahre zuvor veröffentlichten Thesen von Fritz Fischer vertrat Wehler hierin die These vom fatalen „Deutschen Sonderweg“. Es war dieses Buch, das mit seiner starken Negativzeichnung die einseitige Sicht auf das Kaiserreich für die nächsten Jahrzehnte in der Bundesrepublik bestimmen sollte. Dieses Buch, das zum Standardlehrwerk an den Universitäten und dort ehrfurchtsvoll nur „Das blaue Buch“ genannt wurde, prägte das negative Bild unzähliger Historiker, Politiker, Journalisten und Lehrer vom Deutschen Kaiserreich.

Erst durch die drei vielbeachteten Werke des australischen Historikers Christopher Clark („Preußen“, „Wilhelm II.“, „Die Schlafwandler“) verlor Wehler seit einigen Jahren zunehmend an Einfluß und Deutungshoheit. Es ist daher verständlich, daß Wehler letzten Dezember in der Frankfurter Rundschau in seinem letzten großen Interview zum Thema „Kaiserreich“ massive Kritik an Clark übte.

Wer das Interview heute nochmals liest, möge Wehler im Sinne des De mortuis nihil nisi bene vielleicht gnädiger gestimmt sein, wird aber dennoch verwundert feststellen, wie starr Wehler in seiner Sicht verhaftet war und daß bei ihm eine ausgewogene, gesamteuropäische Betrachtung – anders als bei Clark – völlig fehlte. Die Kriegsparteien z.B. auf russischer oder englischer Seite fanden bei Wehler überhaupt keine Beachtung; ähnlich wie bei Fritz Fischer war auch bei Wehler weiterhin Deutschland/Österreich quasi alleiniger Handlungsträger auf dem Weg in den Krieg.

Lesen Sie das letzte große Interview mit Hans-Ulrich Wehler zum Kaiserreich unter:
www.fr-online.de/der-erste-weltkrieg/interview-mit-hans-ulrich-wehler-der-krieg-war-im-oktober-1914-verloren,1477454,25653878.html