Jörg Friedrich („14/18 – der Weg nach Versailles“) zum Kriegsausbruch vor genau 100 Jahren

In den drei Tagen vom 30. Juli bis zum 1. August [1914] schieben sich in Berlin drei Kriegsszenarien übereinander. Der Wilhelmsche Bluffkrieg, der Balkan-Krieg und der europäische Plankrieg. Die ziellose Verwirrung dabei ist eigentlich unübersehbar. Der am 5. Juli ausgestellte sog. Blankoscheck war einlösbar in einer österreichischen Strafaktion, zu der, auch nach den heutigen engeren Maßstäben, hinreichender Anlaß bestand. Der Zusammenhang zwischen dem Al-Qaida-Kommando vom 11. September 2001 und dem afghanischen Talibanstaat war nicht enger als der zwischen der Princip-Bande und den Herrschaftsverhältnissen in Serbien.

Der deutsche Schutz gegen russische Einmischung war der klassische Bündnisfall. Rußland war durch Österreich nicht bedroht, es hatte keine keine Bündnispflicht gegen Serbien, ein Überfall in Gallizien wäre, nach gegenwärtigen Begriffen, aus welcher Sympathie und Patronage auch immer, frei gewählte Angriffshandlung gewesen.

Ob Österreich-Ungarn zu einer raschen militärischen Repressalie wie der Besetzung Belgrads fähig gewesen wäre, braucht nicht erörtert zu werden, weil es etwas anderes im Schilde führte, seinen Wunschkrieg zur Zerlegung Serbiens im Stil der vorangegangenen Balkankriege, die erst die europäische Türkei und danach Bulgarien zerlegt hatten.“ 

Jörg Friedrich: 14/18  der Weg nach Versailles, Berlin 2014, S. 196

Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Na ja, der Herr Friedrich macht es sich ein wenig einfach. Deutschland war keineswegs verpflichtet, Österreich in einem Krieg gegen Serbien zu unterstützen. Das war eine freiwillige Entscheidung Wilhelms II.

  2. So einfach ist es nun auch wieder nicht.
    Als Serbien die österreichischen Forderungen erfüllen wollte, sagte Wilhelm II. dass nun jeder Grund für einen Krieg entfallen würde. Allerdings wurde eine dementsprechendes Telegramm von Bethmann-Hollweg verstümmelt nach Wien weitergeleitet.
    Russland, das seinen Panslawismus verfolgte hatte, neutralen Beobachtern zufolge, bereits vor dem 1. August mobil gemacht und es wurden russische Truppenbewegungen an der deutsch-russischen Grenze beobachtet.
    Während Wilhelm II.im Juli 1914 auf seinem Nordlandurlaub war, stellte Ponicaire dem Zaren einen Blankoscheck aus. Schon bereits zwei Jahre vorher waren Geheimverhandlungen mit Nikolaus II. geführt worden, der sinngemäß sagte, dass man im Falle eines Krieges seinen Sieg in Berlin feiern würde.

  3. Sicher, Wilhelm II. hat eingesehen, daß mit Serbiens Reaktion kein Kriegsgrund mehr vorlag. Aber er hat seinen Blankoscheck nicht widerrufen (auch Bethmann Hollweg nicht). Woraufhin eben die Ösis den Krieg gegen Serbien begannen.
    Genau hier ist das eigentliche Rätsel: Wieso hat die deutsche Reichsregierung Österreich nicht zur Ordnung gerufen? Meine These: Wilhelm hatte sein Wort gegeben. Ein Kaiserwort. Das war (seiner Ansicht und nach Ansicht der deutschen Eliten) nicht widerrufbar.

    • Das ganze Geschehen ist nicht einfach über einen Kamm zu scheren und ein Alleinschuldiger zu suchen. Die Alleinschuldthese wurde von anglo-amerikanischen Historikern übrigens schon lange verworfen.
      Es wurden genügend Blankoschecks ausgestellt: Deutschland an Österreich, Frankreich an Rußland, England an Frankreich – es wimmelte nur so von Schecks und keine Regierung nahm ihn zurück.

      Im übrigen waren Deutschland und Österreich Verbündete, durch Verträge abgesichert. Heutzutage kann auch kein NATO-Partner so einfach aussteigen.
      Und wie sollte die deutsche Reichsregierung Österreich zur Ordnung rufen? Das wäre, und ist auch heute noch, ein schwerer Eingriff in die Souveränität eines Landes.
      Und Kaiser Wilhelm II. war deutscher Kaiser, nicht Kaiser von Deutschland, das ist ein Unterschied. Kaiser von Deutschland wäre er gewesen, wenn Deutschland zentral regiert worden wäre. War es aber nicht, sondern ein förderalistischer Staat, mit Parlament und an der Spitze der Länder standen keine Ministerpräsidenten, sondern Könige oder Herzöge, freilich mit beschränkter Macht. Wilhelm II. hat auch nie die Machtbefugnisse, die ihm die Verfassung gab, überschritten.
      Den Krieg führten dann voll und ganz seine Generäle, worüber ein sich schon im November 1914 beschwerte.
      Spätestens ab 1916 war er von General Ludendorff, den man auch Oberst Ost nannte, entmachtet. Dieser führte im Osten eine Militärdiktatur und war an der Finanzierung der russischen Revolution federführend beteiligt.


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