Wilhelm II. | Bücher und Filme | Wolfgang Effenberger & Jim Macgregor (Hrsg.): Sie wollten den Krieg
Wolfgang Effenberger & Jim Macgregor (Hrsg.)

Sie wollten den Krieg

Wie eine kleine britische Elite den Ersten Weltkrieg vorbereitete

Kopp Verlag 2016 336 Seiten 22,95 €

Sie wollten den Krieg (Wolfgang Effenberger & Jim Macgregor)

Veröffentlichungen zu den Hintergründen des Kriegsausbruchs 1914 stehen seit einigen Jahren vor einem Dilemma, das weniger wissenschaftlicher als medialer Natur ist. Mit dem Erscheinen des Meilensteins Die Schlafwandler (2013) von Christopher Clark haben sich die ganz bösen Zuschreibungen eines Fritz Fischer zumindest in politikfernen Regionen erledigt. Für jemanden, der in der Tragödienthese Clarks nicht der Weisheit letzten Schluß sieht, ist es deutlich schwieriger geworden, sich Gehör zu verschaffen. Konnte er sich zuvor noch als sicherer Bestandteil der Kritiker der Kriegsschuldlüge fühlen, so steht er heute leicht als jemand da, der zuviel will. Er hat damit nicht nur die Kritiker gegen sich, die mit Clark alles erreicht sehen, sondern auch den ganzen unentschiedenen Rest.

Diese Konstellation macht es für ein Buch wie das vorliegende zweifellos schwer. Eine Konsequenz daraus ist, dem Ganzen eine Schärfe zu geben, die durch das ausgebreitete Material vielleicht gar nicht gegeben ist und zudem nicht notwendig wäre, wenn man nicht auf die Provokation schielen müßte. Die Covergestaltung ist diesem Zusammenhang geschuldet. Wie sehen darauf die finster dreinblickende britische Elite der Jahrhundertwende (u.a. Lord Milner, Winston Churchill, Richard Haldane und Edward Grey) abgebildet, was die These des Buches treffend illustriert: Der Krieg sei keine europäische Tragödie gewesen, sondern von den Briten planvoll herbeigeführt worden. Diese These ist an sich nicht neu, sie belebt nur einen Teil der deutschen Kriegsschulddebatte der zwanziger und dreißiger Jahre neu.

Der Band versammelt acht längere Beiträge, die sich dem Thema von unterschiedlichen Seiten her nähern. Im Mittelpunkt des Ganzen steht allerdings das Committee of Imperial Defence (CID), das 1904 gegründet wurde. Es handelt sich dabei um die strategische Schaltzentrale des Britischen Empires. In der Geostrategie des CID sehen die Autoren den Schlüssel zum Verständnis der Kriegsursachen von 1914. Im Hintergrund dieser Strategie stand die Sicherung und Ausweitung des Kolonialreiches (eine Lehre aus dem Zweiten Burenkrieg), vor allem aber das wirtschaftliche Erstarken Deutschlands, dem die Briten etwas entgegensetzen wollten. Da sie das auf wirtschaftlichem Weg nicht vermochten, so die Quintessenz des Bandes, wählten sie den Krieg. Als eigentlicher Antreiber wird dabei ein „Geheimbund“ aus Finanzelite und Adel ausgemacht, der von Cecil Rhodes, William Stead, Lord Esher, Lord Rothschild und Alfred Milner gegründet worden sein soll und der die ganze Welt den Angelsachsen Untertan habe machen wollen.

Um diese These zu belegen, stützen sich die Autoren vor allem auf Erinnerungen aus dem Kreis der daran Beteiligten, die im Nachhinein aus ihren Kriegsplänen gar keinen Hehl gemacht haben. Wirklich neues Material findet sich aber an kaum einer Stelle, wenn man nicht die Benutzung von englischsprachiger Sekundärliteratur als solches bezeichnen möchte. Wikipedia wird zitiert und Sekundärliteratur ausführlichst referiert, ohne auf die Standardwerke (z.B. zum CID) einzugehen. Die Autoren stützen sich zudem auf Quellen, die oftmals autobiographischer Natur sind und daher mit äußerster Vorsicht zu behandeln sind. Wenn sich die Beteiligten damit brüsten, wie gut sie auf den Krieg vorbereitet waren, bewegt sich das durchaus im Rahmen der damals üblichen Rüstung für den Ernstfall. Und daß man als Sieger nicht geneigt ist, seinen Anteil am Sieg zu verschweigen, liegt auch nahe.

Weiterhin wird jedes historische Ereignis im Rahmen der Ausgangsthese interpretiert, die für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ohne große Begründung auf die Amerikaner ausgeweitet wird: Die kubanische Revolution sei daher Teil des Plans zur Errichtung eines Imperiums durch die amerikanischen Banken. Das klingt ein wenig nach den Protokollen der Weisen, ist aber nicht so gemeint, wie ein Beitrag zeigt, der die Juden als prominentes und erstes Opfer der Imperialisten darstellt. Nebenher geht es auch um die klassischen Themen des Kriegsausbruchs: die Marokkokrise, die Ereignisse vom Juli/August 1914, die angebliche Neutralität Belgiens und so manch andere Schutzbehauptung der Alliierten.

Die Autoren sind größtenteils keine Historiker, sondern Ingenieur, Jurist oder Tierarzt. Das muß kein Nachteil sein – man denke an Ernst Nolte, der auch nie Geschichte studiert hat – ist es in diesem Fall aber, weil die wissenschaftlichen Standards nicht eingehalten werden. Die Autoren zitieren sich gegenseitig, was nicht verboten ist, aber zu zweifelhaften Belegen führt, wenn sich der Leser damit begnügen muß, daß ein erwähntes Buch „bemerkenswert, gut dokumentiert und geschrieben“ ist. Einen faden Beigeschmack bekommt die Sache noch zusätzlich durch die Tatsache, daß das zitierte Buch von einem der Herausgeber stammt und die Übersetzung ebenso im Kopp-Verlag erschienen ist. Die verwendete Sprache ist, wenn beispielsweise die Mitglieder des CID als „Bande“ bezeichnet werden, ungeeignet, um in der wissenschaftlichen Debatte eine Rolle spielen zu können.

Tendenziös wird die Sache dadurch, daß der Anteil der anderen Mächte am Kriegsausbruch keine Rolle spielt. Das ließe sich verschmerzen, wenn das Buch nicht mit dem Absolutheitsanspruch gültiger Wahrheit auftreten würde. Das tut es aber, was den Leser zu einem zwiespältigen Fazit führen muß: Es ist zweifellos wichtig, darauf hinzuweisen, welche Rolle Großbritannien bei der Entfesselung des Ersten Weltkriegs spielte, und es ist gewiß eine Hauptrolle. Was dabei aus dem Blick gerät: die Rollen von Rußland und Frankreich, die man nicht außer Acht lassen kann. Hier spielen bei einigen Autoren offenbar Sympathien für Rußland eine Rolle. Das ist an sich nicht verwerflich, geht in diesem Fall aber zu Lasten der historischen Wahrheit. Daher steht den Autoren die Schelte für Christopher Clarks angebliche Parteilichkeit schlecht zu Gesicht.